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Immerhin eine Nische
Südafrika, speziell die Gegend um Kapstadt, ist weltweit als Standort für die Werbefotografie vor allem in der Mode etabliert. Seit einigen Jahren wird es auch als Zielort für den gehobenen Tourismus immer attraktiver. Grund genug, einmal nachzufragen, wie sich dort die klassische Musik in all ihren Erscheinungsformen präsentiert und möglicherweise entwickelt.
Ja, es gibt sie an vielen Orten des Western Cape: in Kapstadt, Stellenbosch, Paarl, Sumerset West werden klassische Komponisten gespielt, meist Vertreter der europäischen Klassik und Moderne – von Beethoven über Brahms, Debussy, Händel und Schubert bis zu Saint-Saens. Die Aufführungsorte reichen von Seminarräumen in Universitäten über Kirchen und Konzertauditorien bis hin zu den eleganten Weinfarmen und Herrenhäusern der südafrikanischen Weingegend rund ums Cap, gern auch als Open-air-Veranstaltungen in wunderschönen Parks .
Was in der Western Cape Province nicht zu finden ist, wird auch kaum woanders in Südafrika aufgeführt. Diese einem deutschen Bundesland vergleichbare Provinz Südafrikas bietet besonders günstige Voraussetzungen für klassische Musik. Zum einen verfügt Kapstadt mit seinem Opernhaus und den angegliederten Projekten über die größte Musik-aktive Einheit von ganz Südafrika, hier liegen mit den Universitäten von Kapstadt und Stellenbosch gleich zwei Ausbildungszentren für Musik, hier spielt die Tradition der Kapholländer, der frühen Gründer von Kapstadt eine wichtige Rolle, schließlich führt die insgesamt starke europäische Prägung der Region zu einem besonderen Kulturbewusstsein und zu vielen musikalischen Aktivitäten.
Für die Cape Town Opera und das Kaapse Fielharmoniese Orkes gehören Werke europäisch-klassischer Komponisten zum Standardprogramm. Im Mai stehen Beethoven, Brahms und Mozart auf dem Programm, in der Oper hatte im März dieses Jahres Beethovens Fidelio unter Leitung des österreichisch-deutschen Dirigenten Phillip Pointner Premiere, als Open-air-Produktion im Castle of Good Hope ein besonderes Highlight.
An beiden Universitäten finden regelmäßig, auch außerhalb der Semester Konzertreihen und musikalische Aufführungen statt. So bot das Symphonieorchester der Universität Stellenbosch im März/April dieses Jahres Konzerte mit Werken von Bach, Debussy, Händel, Mozart, Offenbach, Saint-Saens, Schubert, Telemann und Ravel an und lud zu wöchentlichen öffentlichen Aufführungen ihrer Studenten ein. Am South African College of Music der Universität Kapstadt spielten in den letzten Monaten Studenten und eingeladene Künstler in öffentlichen Konzerten Werke von Bach, Händel, Mozart und Vivaldi. In Stellenbosch und Kapstadt ergänzen private Gruppen, häufig aus kirchlichen Gemeinden, das musikalische Angebot mit anspruchsvollen Chorabenden.
Für zahlreiche größere Weingüter wie Babylonstoren, Blauwwklippen, Lancerac, Spier oder Verlegen gehören klassische Konzerte zum Marketing der Saison. Andere locations wie das Amphitheater Oude Libertas oder der Neethlinghof in Stellenbosch bieten populäre Musik mit beliebten Opernmelodien, Medleys und Musicals an. In dem wunderschönen Botanischen Garten in Kirstenbosch unterhalb des Tafelberges finden regelmäßig gut besuchte Picknick-Konzerte mit leichtem Sonntagnachmittagsprogramm statt. Auch hier tauchen Kompositionen europäischer Klassiker der leichteren Art auf.
Ein besonderes Publikum hat das inzwischen im achten Jahr tourenden Cape Classic chamber music festival gefunden. Mit klassischer Kammermusik, zu denen meist deutsche Musiker ohne Honorar auftreten, wird eine Reihe von acht bis zehn Konzerten der gehobenen Klassik in edlem Ambiente auf Weinfarmen angeboten, die Erlöse fließen zwei Stiftungen zu, die sich um die (musikalische) Ausbildung afrikanischer Kinder kümmern.
Es wäre übertrieben zu sagen, diese Klassik-Aufführungen träfen auf ein breites Publikum. Beobachtungen aus früheren Jahren unterstreichen eher den Eindruck einer musikalischen Nische neben mannigfachen Rock-Pop-Konzerten mit nationalen und internationalen Künstlern. Auch wenn klassische Ausbildungsformen in den Hochschulen durchaus vorhanden sind und Studenten entsprechend ausgebildet werden, ist der Klassik-Sektor eher schmal. Das gilt besonders für schwarzafrikanische Komponisten, die bisher nur selten in der internationalen Szene wahrgenommen werden. Nach wie vor fällt es schwer, schwarze Musiker zu finden, die auf diesem Feld kompositorisch arbeiten. Bongani Ndodana-Breen und Andile Khumalo sind zwei der bekannteren aktuellen Komponisten, die aber beide im Ausland arbeiten.
Der 1975 in Queenstown geborene Südafrikaner Bongani Ndodana-Breen hat einen familiären Xhosa-Hintergrund, er findet in seinen Kompositionen durchaus moderne Klänge, beschwert sich aber über geringes Interesse an seiner Musik in Kanada:“There was simply no interest in listening to new classical music, especially if it was remotely African.”
Andile Khumalo, in Durban geborener Südafrikaner, lehrt und komponiert heute an der Columbia University in New York City. Fast seine gesamte musikalische Ausbildung hat er in Europa, große Teile in Deutschland erhalten. Er sieht sich selbst als Vertreter einer New Music Indaba (South Africa), die er in Klavierstücken und Kammermusiken realisiert. Aufgeführt wurden seine originell instrumentierten Werke vor allem auf internationalen Musikfestivals. Über die Fachwelt hinaus bekannt geworden sind bisher wohl beide Afrikaner nicht.
Das South-Africa Yearbook 2005/2006 unterstreicht im Abschnitt Musik „the fusion of divers musical forms“ nach 1930 und hebt die vielen Aktivitäten im Bereich des Jazz und des Rock-Pop hervor. Ein Blick in den Veranstaltungskalender von Kapstadt bestätigt diesen Schwerpunkt des südafrikanischen Musiklebens. In Kapstadt und Umgebung gibt es keinen Tag, keinen Abend, an dem nicht Jazz- oder Popgruppierungen in die unzähligen kleinen Theater, Konzertsäle und Clubs locken und abwechslungsreiche Musik unterschiedlichsten Stils bieten. An diesem Schwerpunkt hat auch der letzte Regierungswechsel 2009 nichts geändert. Klassik hat ihre kleine aber solide Nische und ihr – oft in europäischer Tradition lebendes – Publikum, woran sich nach Einschätzung vieler Musikkundiger kaum etwas ändern wird. Muss man das bedauern? – Immerhin hat die klassische Musik ihren festen Platz und ihr verlässliches Publikum, das durchweg auch genügend Sponsorenvolumen mitbringt, um diese „seine“ Nische am Leben zu erhalten. Für viele andere gesellschaftliche Bereiche in Südafrika ist das viel schwieriger - man braucht nur an das öffentliche Bildungswesen zu denken…
Horst Dichanz, 10.4.2012
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