Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Some alt text
Foto © Karl und Monika Forster

Aktuelle Aufführungen

Walhall im Morgenland

RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Besuch am
8. Dezember 2016
(Premiere am 13. November 2016)

 

 

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Wagner habe mit dem Ring des Nibelungen der modernen Menschheit einen Mythos geschenkt. Das schreibt der österreichische Dirigent und Musikwissenschaftler Peter Berne in seiner profunden Analyse der Tetralogie, 2006 unter dem Titel Apokalypse erschienen. Dieser Mythos könne ihr dazu helfen, „sich selbst, ihre Taten und Leiden, und vor allem die tödliche Krise, die sie gegenwärtig durchmacht, besser zu verstehen“.  Berne, in den 1990-er Jahren Studienleiter an der Wiener Staatsoper, entzieht jedem denkbaren Versuch, sich dem Weltepos beliebig zu nähern, jegliche Begründbarkeit. Jede Ring-Neuinszenierung an jedem Theater, so seine dramaturgische Navigation, muss sich demnach daran messen lassen, ob sie Erhellendes leistet. Ob sie konstruktive Alternativen zur gesellschaftlichen Apokalypse der militärischen, ökonomischen und ökologischen Menschheitsdämmerung aufzeigt. Oder wenigstens argumentativen Stoff zur öffentlichen Legitimation der Institution Oper.

Das gilt auch dann, wenn wie jetzt am Staatstheater Wiesbaden Intendant Uwe Eric Laufenberg seine vor drei Jahren im österreichischen Linz herausgekommene Inszenierung in das hiesige Große Haus übernimmt. Unter dem Eindruck seiner kraftvollen bildstarken und theaterintensiven Auseinandersetzung mit dem Rheingold lässt sich dieser grundsätzlichen Entscheidung auch diesseits von arbeitsökonomischen und Budgetüberlegungen durchaus einiges  abgewinnen. Der Regisseur Laufenberg im Tandem mit seinem einfallsreichen Bühnenbildner Gisbert Jäkel verlegt das Geschehen, das dem heroisch rauschenden Einzug der Götter in Walhall vorausgeht, in ein fiktives Morgenland.  Was bei Wagner in der Tiefe des Rheins und an seinen Ufern spielt, sprosst in Wiesbaden aus einem Beduinenzelt, der archaischen Behausung orientalischer Nomaden. Das ist sicherlich originell und ein Stück weit  spektakulär. Ob die wahrscheinlich politisch zu deutende Spekulation mit dem eigentlich zeitlosen, weil archetypisch universalen Stoff letztlich trägt und produktiv wird, müssen die weiteren Tage des Bühnenfestspiels in den kommenden Monaten erweisen. Dann auch unter der Messlatte im Sinne Bernes.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Laufenbergs augenscheinlich anhaltende Auseinandersetzung mit dem Orient und dem Islam als System von geistigem Konformismus und politischer Herrschaft – man denke an seine Parsifal-Inszenierung in diesem Jahr bei den Bayreuther Festspielen – bricht sich bereits im zweiten Bild Bahn. Eben noch tummeln sich die drei reizenden Wassernymphen, Alberich im frivolen  Spiel aufreizend umgarnend, in einer von einem überdimensionalen Auge begrenzten Flusslandschaft. Schon schlägt die Imagination der einstigen idyllischen natürlichen Ordnung in Laufenbergs Fantasiewelt des Morgenlands um. Wotan, irgendwie Kalif und auch Scheich, sitzt zusammen mit seiner sonstigen Sippschaft an Göttern und Halbgöttern im Wüstenzelt auf gepackten Koffern aus Holz. Allerlei mit Fell bedeckte Sitzmöbel und roh gezimmerte Umzugskisten vermitteln einen Hauch von Wohnkultur im Stil der Nomaden. Walhall, das Symbol und die Verheißung des bevorstehenden Umzugs, existiert auch bereits – wenn auch lediglich als Architektenmodell der Akropolis.

Foto © Karl und Monika Forster

Milieuaffin hat Kostümbildnerin Antje Sternberg die heterogene Versammlung ausstaffiert. Zu sehen sind die Protagonisten in Tunika-ähnlichen, langen Gewändern. Fasolt und Fafner erinnern mit ihrem dunklen Turban an Gestalten aus Tausendundeiner Nacht. Froh und Donner zeigen Anklänge an traditionelle Mützenmoden, wie sie heute wieder aufkommen. Vielleicht ein Zufall, ein verstecktes Rätsel oder eine subtile Anspielung auf gesellschaftliche Unterschiede – alle männlichen Sängerdarsteller tragen Kopfbedeckungen. Lediglich Alberich bewegt sich barhäuptig, nach dem Goldraub Eindruck heischend als Kapitalist im standesgemäßen Dreiteiler. Rund um Alberich, der Inkarnation des Destruktiven, entwickelt Laufenberg überhaupt die besten Momente dieser Produktion. Insbesondere in den Nibelheim-Szenen manifestiert sich die dramaturgische Sensibilität des Regieteams, Wagners starken Figuren zu vertrauen und von ihren Verstrickungen in Intrige, Heimtücke, Machtgelüst und Hinterlist einfach zu erzählen.

Dort, wo im Stück Mime seine Schmiedekünste entfaltet und die Nibelungen ihre Schwerstarbeit verrichten, hat die Bühnenausstattung einen trübglasigen Bildschirm installiert. Durch den nähern sich anfänglich Wotan und Loge, um dem Alb Gold, Tarnhelm und Ring zu entreißen. Dann macht sich dieser hinter der Scheibe klein, um sich in eine Kröte zu verwandeln. Was Alberich vermag, nämlich Wundersames, kann das Wiesbadener Produktionsteam um Andreas Frank, zuständig für das Licht, und Falko Sternberg, der die Videoeinspielungen verantwortet, schon lange. Ein heutiger Wotan, maßlos in Anspruch und Verhalten, Donald Trump, wird für Millisekunden sichtbar, samt Fönfrisur und grimmigem Blick. Eine möglicherweise zu erwartende Abrechnung mit einem Potentaten von morgen, der – wie Wotan – noch lernen muss, mit seiner allein auf Verträgen beruhenden, also begrenzten Macht umzugehen?

Musikalisch ist das Rheingold, ausgehend von dem sonoren Es-Dur-Akkord des Vorspiels und endend mit dem strahlenden Walhall-Motiv, einer der stringentesten und stimmigsten Melodienbögen, die je für das Theater komponiert worden sind. Nach einem verhaltenen Einstieg geht das Hessische Staatsorchester unter der musikalischen Leitung von Alexander Joel die packende Reise durch Wagners furiose Partitur mit hörbar wachsender Intensität mit. Großartig gelingen die expressionistischen Passagen in den hymnischen Auftritten von Froh und Loge ebenso wie der disruptive Ausbruch des Orchesters bei Alberichs Fluch wider die Liebe.

Das Sängerensemble – bei Ausnahme der Besetzung des Fasolt die Premierenbesetzung – lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass es auch in dieser Aufführung den Vorabend zum Ring zum Glänzen bringen möchte. Die über die Stadt hinaus bekannt gewordene Kunde, in Thomas Blondelle einen Loge der Extraklasse erleben zu können, bestätigt sich voll und ganz. Der jugendlich auftretende und elanvoll aufspielende Tenor singt mit eindrucksvoller Tessitura für diese Präsenz und Nuancen verlangende Tenorpartie den Halbgott mit stimmlicher Hingabe, vokalem Witz und der gelegentlich zynischen mefistofelischen Kälte, die auch den Charakter von Wotans spin doctor bestimmt. Hell, bisweilen etwas zu hell, ist der ansonsten souveräne Wotan Gerd Grochowskis angelegt, der auch schon in Laufenbergs Linzer Produktion der Göttervater gewesen ist. Thomas de Vries hinterlässt als Alberich mit kraftvollem, variantenreichem Bariton einen großartigen Eindruck. Die Verfluchung der Liebe gelingt ihm so überzeugend, dass sie einen Schauer auf der Haut zu erzeugen scheint. Erik Biegel als sein geknechteter Bruder Mime macht seine Sache vorzüglich, das Schmieden wie das Singen. Das gilt auch für Benjamin Russell als Donner und Aaron Cawley als Froh. Shavleg Armasi ist ein ausgezeichneter Fasolt, der nicht nur poltern und drohen kann, sondern auch eine reflexive Note in die Darstellung einbringt. Den Fafner zeichnet Young Doo Park mit seinem tiefgrundigen Bass berührend.

Die Rheintöchter – Gloria Rehm als Woglinde, Marta Wryk als Wellgunde, Silvia Hauer als Flosshilde – machen in ihrer Bademodenkostümierung eine gute Figur, auch stimmlich. Ein Eindruck, der sich bei Margarete Joswig in der Partie der Fricka nicht so ganz einstellen will. Das flackernd Gallige dieser Figur trifft sie bei gelegentlich nervendem Tremolo-Einsatz allerding sehr akkurat, sollte Laufenberg dieses Persönlichkeitsprofil so angelegt haben. Geht sie mit ihrem Genörgel Wotan schon gehörig auf die Nerven. Betsy Horne als Freia, Künderin und Bewahrerin der Schönheit, entspricht da einem anderen Frauenideal, dem der orientalischen Welt. Sie erscheint in der Erlösungsszene als Bauchtänzerin und versammelt gern eine zahlreiche Kinderschar um sich. Noch eine Anspielung? Völlig frei davon ist die Erda Romina Boscolos. Wie sie mahnend und mit eindringlicher Altstimme Wotan in die Schranken weist, hat Format und einen dramatischen Anspruch über alle Stereotypen hinaus.

Das Publikum akzeptiert und respektiert die Aufführung am Ende mit großer Begeisterung. Die steigert sich immer dann deutlich, wenn Blondelle erscheint. Ein musikalisch herausragender Ring-Einstieg, zweifellos. Das Eigentliche, das Regiekonzept der Tetralogie, wird sich noch offenbaren müssen. Wir werden sehen.

Ralf Siepmann