Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Herwig Prammer

Aktuelle Aufführungen

Sex and Crime in Scotland

MACBETH
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
11. November 2016
(Premiere)

 

 

Theater an der Wien

Sie sind beide fast ständig präsent. Auch dann, wenn sie es laut Libretto eigentlich nicht sein sollten: Bei Verdis Macbeth rückt Roland Geyer das spätere Königspaar in den Mittelpunkt seiner Inszenierung am Theater an der Wien.

Der Intendant des Hauses hat nach seinem notgedrungenen Einspringen bei Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen und bei Heinrich Marschners Hans Heilig offenbar Blut geleckt und am Inszenieren Gefallen gefunden. Er zeigt in seiner dritten Opernregie die wechselseitigen Abhängigkeiten der Protagonisten und stellt diese in den Mittelpunkt: Wie die machtgierige Lady Macbeth den Titelhelden in einen blutigen Reigen von Mord und Intrigen treibt und ihn dabei immer wieder raffiniert mit Sex ködert und damit regelrecht belohnt. Dafür dient ein dunkel gestylter Raum, der vom Ausstatter Johannes Leiacker geschaffen wurde, mit einigen roten Vorhängen im unteren Bereich und einem dreh-, heb- und versenkbaren, innen verspiegelten Zylinder als Zentrum. Dieser dient als Varieté-Bühne, Tisch, Bett, Thronpodest. Die tanzenden Hexen sind androgyn kostümiert, halb Frauen, halb Männer, halb mit Bärten, bewegen sich jedoch bei ihrem Showdance eher dilettantisch.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Apropos Dilettantismus: Zwar hat die Regie durchaus reizvolle Ansätze, doch hätte Geyer das Inszenieren besser Personen überlassen sollen, die das Handwerk beherrschen, was bei ihm nur bedingt der Fall ist.  Und so wirkt manche Szene unausgegoren, eine detaillierte Personenführung fehlt, und die Protagonisten wirken sich selbst überlassen. Zudem streut Geyer immer wieder wenig erhellende Entbehrlichkeiten ein: So wird etwa die zweite Hexenszene als Albtraum des Titelhelden in einer gewaltigen Videosequenz, die von David Haneke stammt, mit beweglichen und blutspritzenden Horrorgrauslichkeiten aus dem Jüngsten Gericht und aus dem Garten der Lüste à la Hieronymus Bosch gezeigt. Zuvor und danach tauchen realiter auch immer wieder nackte Frauen auf, eine davon, sie ist optisch einer Figur aus dem Gemälde von Bosch nachempfunden, wird von Macbeth erwürgt. Es gibt sogar schwarz-weiße, echte Ratten in einem Käfig oder einem Kinderwagen, der offenbar den sehnlichsten Kinderwunsch der Lady Macbeth symbolisieren soll. Allerdings liegt darin bezeichnenderweise kein Kind, sondern ein bleicher, grausiger Totenkopf.

Foto © Herwig Prammer

Von unterschiedlicher Qualität ist auch das Sängerensemble zu vernehmen: Roberto Frontali singt den Titelhelden mit großer Präsenz und kernigem Bariton, sehr kraftvoll, meist jedoch zu lautstark und zu wenig differenziert. Adina Aaron, die als Lady Macbeth Selbstmord begeht, ist optisch und darstellerisch sehr erotisch. Sie wirkt jedoch in den lyrischen Momenten besser als in den dramatischen. Hier stößt sie immer wieder an die Grenzen ihrer Stimme. Anfänglich hat sie auch starke Intonationsprobleme. Stefan Kocan ist ein Banco mit einem sehr kultivierten Bass, der zwar auch nuancenreicher singen könnte, aber von dem man gerne mehr gehört hätte. Sehr höhensicher und untadelig ist Arturo Chácon-Cruz als Macduff zu vernehmen. Von den kleineren Partien ragen Natalia Kawakek als Kammerfrau und Julian Henao Gonzales als ausgesprochen schön timbrierter Malcolm heraus. Wieder wunderbar singend und vital spielend erlebt man den Arnold-Schoenberg-Chor, dessen Einstudierung einmal mehr Erwin Ortner selbst besorgte.

Harte, ja bisweilen sogar rabiate Ausbrüche, auch an der Obergrenze des Phonpegels, und mitreißende Steigerungen sind bei den Wiener Symphonikern unter Bertrand de Billy zu vernehmen, aber auch ein subtiler, allerdings nicht immer ganz austarierter Feinschliff.

Und das zuerst sehr zurückhaltende Publikum, das kaum Zwischenapplaus spendet, jubelt letztlich doch den Sängern und dem Dirigenten zu, wobei Roland Geyer bei seinem Erscheinen im eigenen Theater einen regelrechten Buh-Orkan abbekommt.

Helmut Christian Mayer