Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Foto © Sivlia Lelli

Aktuelle Aufführungen

Regiekonzept mit Brüchen

WEST SIDE STORY
(Leonard Bernstein)

Besuch am
15. Mai 2016
(Premiere am 13. Mai 2016)

 

Pfingstfestspiele Salzburg,
Felsenreitschule

Im Dunkeln steht ein großer Gerüstaufbau mit Graffiti-Bemalung auf der weitläufigen Bühne der Felsenreitschule. Quälender Verkehrslärm erfüllt den Raum. Ein Scheinwerfer leuchtet ein kleines Geschäft für Brautkleider in ersten Stock aus. Maria führt den Laden ihrer Eltern weiter und lebt mittlerweile gealtert ihr einsames Witwendasein nach südländischer Manier im schwarzen, aber flott geschnittenen Kleid und Schleier. Sie hält das Andenken an ihren toten Geliebten Tony hoch und verfällt in ihre Erinnerung, die an diesem Abend lebendig werden soll. Sie verlässt ihren Laden, schlendert durch die Straßen New Yorks und das eigentliche Werk beginnt.

Durch diesen Regieeingriff von Philipp WM Mc Kinley entstehen zwei Ebenen in der Erzählung, und es agieren zwei Personen als Maria, die in seiner Interpretation verschmelzen sollten. Cecilia Bartoli mimt die verhärmte, in die Jahre gekommene Witwe und Michelle Veintimilla die junge Maria, die unschuldige, jungfräuliche Einwandererstochter, die in dem erfolgreichen Musical die tragische Liebe erleben darf. Bartoli begleitet die gesamte Handlung, ist immer präsent und übernimmt alle Gesangspartien von Maria. Das führt zu Brüchen in den entscheidenden intimen Stellen des Musicals. Sie wirkt unglaubwürdig, sowohl im Spiel als auch im Gesang. Wie mit angezogener Handbremse bleibt sie meist im Piano und legt nur wenig Druck auf ihre Stimme, um nicht zu opernhaft dramatisch zu wirken und ihre Anzeichen von Tremolo zu unterdrücken. Umso inniger und rührender ihr mädchenhaftes Gegenüber. Michelle Veintimiglia bezaubert in ihren grazilen Bewegungen und ihrer weichen Stimme. Der Funke der Liebe zu Tony, dem jungen Amerikaner, springt fühlbar über. Norman Reinhardt integriert sich in das dynamische Spiel der internationalen Riege erstklassiger Musicaldarsteller. Trotz technischer Verstärkung wirkt sein Tony leicht und nicht überdimensioniert. Als Amerikaner trifft er auch den richtigen amerikanischen Akzent und dessen lässige, dunkle Färbung.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Sicherlich muss jede neue Interpretation dieses großen Welterfolgs mit der so bekannten Broadway-Produktion und dem unvergesslichen Film konkurrieren. Der Ansatz der Pfingstfestspiele, hier ein Opern- und ein jüngeres Musical-Publikum anzusprechen, ist nachvollziehbar, aber er zeigt auch die Grenzen der beiden Genres auf. George Tsypin löst seine Aufgabe des Bühnenbildes für diese doppelte Deutung des Inhaltes der modernen Geschichte von Romeo und Julia in den Hinterhöfen und der Unterwelt New Yorks mit viel Einfühlungsvermögen. Geschickt verkleinert er die große Bühne, zentriert das gesamte Geschehen, gestaltet die verschiedenen Orte in räumlicher Nähe durch einen mehrstöckigen fahrbaren Gerüstaufbau, in dem sich auch die Außenwände je Stockwerk verschieben lassen. So kann die Handlung ohne jeglichen Umbau durchgängig fließen, die der geniale Komponist Leonard Bernstein mit seinen unvergesslichen Welthits vertont hat. Erklingen die Höhepunkte wie Tonight, Maria, I want to be in America oder I feel pretty, sind die wehmütigem Erinnerungsseufzer im Publikum unüberhörbar. Liam Steel lässt in seiner Choreografie die verfeindeten Jets und Sharks sehr lebendig und ausdruckstark über die Bühne wirbeln und die Gefolgsdamen der Jugendgangs zu heißen Rhythmen die Röcke und Beine schwingen. Es kommt richtige Broadway-Stimmung auf. Die junge Besetzung singt, tanzt und spielt mit viel Euphorie und amerikanischer Unbekümmertheit. George Akram als Bernardo, dem Führer der Sharks und Bruder von Maria, sowie Dan Burton als Riff dem Führer der Jets seien stellvertretend für ihre Gangmitglieder genannt, die allesamt mit viel Herz und Können den Abend gestalten. Karen Olivo entwickelt ihre Interpretation der Anita, der Freundin von Bernardo und intime Vertraute von Maria, mit viel Bühnengespür, Persönlichkeit und einer großen, kraftvollen Stimme in Sprache und Gesang.

Foto © Sivlia Lelli

Um den amerikanischen und besonders auch den südamerikanischen, karibischen Flair der Musik nach Salzburg zu bringen, haben die Festspiele das Simon Bolivar Symphony Orchestra of Venezuela und seinen Chefdirigenten Gustavo Dudamel eingeladen. Die jungen Musiker spielen beherzt engagiert und erfüllen so die Erwartungen. Die Rhythmen wirken vertraut und heizen deren Spielfreude an, da wird auch mächtig auf Tempo und Lautstärke gedrückt. Lyrische Stellen wirken ebenfalls gefühlvoll, Fehler im exakten Zusammenspiel werden an den ruhigen intimen Passagen hörbar. Gustavo Dudamel lenkt bewegungsreich mit seiner eigenen Choreografie. Er arbeitet den Konflikt, die Gewaltbereitschaft auf der Bühne in seiner Interpretation heraus, selbst das tragische Ende entspannt nicht. Der Kampf um die Daseinsberechtigung, die Existenz in der neuen Heimat gebündelt mit dem Heimweh sind spürbar melodramatisch artikuliert.

So sehr Maria im Schlussbild berührt in ihrer Anklage der sinnlosen Gewalt, so wenig hat der Mensch aus der Geschichte gelernt. Die Aktualität dieses Themas und somit des Werkes sind ungebrochen. Wieder wird es dunkel, die Leiche Tonys wird hinausgetragen. Neuerlich erklingt eine Geräuschkulisse, übertönt von lautem, feierlichem Glockengeläut. Die Witwe Maria und Tony finden sich hoch über dem Publikum auf einer Hängebrücke wieder, fallen sich in die Arme und treten gemeinsam ab. Die „himmlische Vereinigung“ ist eine weitere Ergänzung zum Original.

Ein schönes Bild, dem das Publikum willig folgt und begeistert in Applaus ausbricht. Viel Lob ernten alle Beteiligten, das Orchester spielt nochmals die bekannten Melodien, und die karibischen Rhythmen bringen die Akteure nochmals in tänzerische Bewegung. Das Publikum klatscht und wiegt sich im Takt. Die Musik Bernsteins erfüllt die Zuhörer unverändert und verfehlt bei niemanden seine Wirkung.