Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Some alt text
Foto © Jochen Quast

Aktuelle Aufführungen

Tosca physisch

TOSCA
(Giacomo Puccini)

Besuch am
18. November 2016
(Premiere)

 

 

Theater Lübeck

Regisseur Tilman Knabe mit Wilfried Buchholz, verantwortlich für Bühne, Gisa Kuhn für Kostüme sowie Falk Hampel für die Lichtgestaltung sind ein physisch basiertes Team. Die Gewaltexzesse des Stücks, Blut und Folterung werden selbst einem abgebrühten Zuschauer spürbar vor Augen geführt, wie es zur Entstehungszeit der Oper vom Publikum gefordert und empfunden wurde. Daneben werden in der Oper im Gegensatz zum ursprünglichen Schauspiel gestrichene Handlungselemente wiedereingeführt.  Die Königin Maria Caroline tritt beispielsweise als stumme Rolle auf und lässt Scarpia nach der Flucht Angelottis gewaltsam misshandeln – auch er erfährt ständige Gewalt und ist kein Sadist aus sich selbst heraus.

In den kontemplativen Momenten Toscas wird ihr Leiden als Kind in klösterlicher Erziehung in Rückblenden mit Bildern angedeuteter sexueller Übergriffe sichtbar gemacht. Dann taucht die Bühne jeweils in intensiv-giftgrünes Licht, um eine physisch vermittelnde Komponente zu schaffen. Tosca ist von Anfang an gezeichnet und überlebt mit Psychopharmaka und Spritzen. Im dritten Akt sind nach allen Gewaltexzessen die Liebenden schon lange nicht mehr lebensfähig. Tosca kommt über und über mit dem Blut Scarpias am Körper zu Cavaradossi, der später nicht auf der Bühne stirbt, sondern im Hintergrund erschossen wird, während Tosca in den Wahnsinn entgleitet.  Sie wird schließlich von den Gestalten Scarpias und des zwielichtigen Geistlichen, den Eindringling in ihre kindliche Unschuld, verfolgt und in den Tod getrieben.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Zuvor wird der Verfall des gesellschaftlichen Lebens durch Krieg und Exzesse dargestellt. Das Bühnenbild stellt zerstörte Stadtlandschaften, wie wir sie heute aus Syrien kennen, dar, und ein Teil der um die Macht kämpfenden Truppen sind Frauen, die anstelle Toscas Scarpia vor ihrer Vergewaltigung die Kehle durch- und die Geschlechtsteile abschneiden. Die Szene korrespondiert mit dem Ende des ersten Aktes, in dem zur kirchlichen Messe Scarpia lustvoll Soldatinnen erschießt und mit viel Theaterblut absticht. Gewalt gebiert endlose Gewalt.   

Foto © Jochen Quast

Vor dem dritten Akt reinigen zwei Putzfrauen die Bühne vom Blut und brechen in ihrer skurrilen Art wie in einer Spiegelung die Shakespearschen Totengräber kurzzeitig die unerbittliche Tragödienhandlung. Ansonsten setzt die Inszenierung ausschließlich auf die konkret sichtbare Umsetzung des menschlichen Leids. Jede Abstraktion bei den stilistischen Mitteln hätte ansonsten in den Augen des Regieteams wohl potenziell Relativierung bedeuten können.

Dass ein solches Konzept überzeugt und nicht in Übertreibung und Unglaubwürdigkeit kippt, ist der rückhaltlosen und an die Grenzen gehenden körperlichen Einsatzbereitschaft der drei Protagonisten, allen voran Erica Eloff als Tosca, zu verdanken. Neben der eindrucksvollen Darstellung einer seit der Kindheit geschundenen Kreatur vermag Eloff die stimmlichen Herausforderungen der Partie glänzend zu erfüllen. Ihr Spektrum reicht von verletzlichsten Pianophrasen zu den großen Ausbrüchen. Ihr Vissi d’arte im zweiten Akt wird vom Publikum frenetisch gefeiert.

Zurab Zurabishvili als Cavaradossi kann nach verhaltenen Beginn sein Stimmpotenzial zunehmend entfalten, entgeht aber nicht ganz dem Stress einer auf extremer Kraftanstrengung basierten Stimmführung. Gerard Quinn als Scarpia gibt den Fiesling aus dem Bilderbuch, der seine auf Gewalt fokussierte Sexualität in scheinheiliger Stimmgeste nur schwer verbergen kann. Das Ensemble wird überzeugend abgerundet mit Seokhoon Moon als Angelotti, Taras Konoshchenko als Mesner, Hyungseok Lee als Spoletta und Grzegorz Sobczak als Sciarrone.

Ryusuke Numajiri positioniert das gut disponierte Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck fast ein wenig gegensätzlich zum blutrünstigen Geschehen auf der Bühne. Er versucht klugerweise nicht dieselben dynamischen Register zu ziehen, sondern schafft im Graben musikalische Bögen, die das ausweglose Geschehen auf der Bühne bewegend kommentieren und Raum für die Freiheits- und Zukunftsvisionen der Opfer schafft, die die Szene absichtlich verweigert.

Chor und Extrachor sowie der Kinder- und Jugendchor Vocalino des Theaters Lübeck und der Musik- und Kunstschule Lübeck unter der Leitung von Jan-Michael Krüger erschaffen im ersten Akt ein überzeugendes Szenario eines kindlich-verspielten Auftritts und einer Messhandlung in den Trümmern der zerstörten Stadtlandschaft.

Das Publikum feiert die drei Protagonisten und bejubelt Erica Eloff ob ihrer Leistung. Das Regieteam wird von nicht geringen Teilen der Zuschauer kraftvoll ausgebuht. Dieser Fraktion stellt sich jedoch eine ebenso lautstarke Gegentruppe vor allem junger Menschen mit demonstrativen Bravorufen entgegen. Tilman Knabe nimmt das alles mit großer Freude entgegen – so soll sein Theater sein.

Achim Dombrowski