Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Regina Brocke

Aktuelle Aufführungen

Weltklasse im Forum

INFINITY
(Gauthier Dance)

Besuch am
24. November 2016
(Einmaliges Gastspiel)

 

 

Forum Leverkusen

Wieder einmal kann sich die Dramaturgie des Forums Leverkusen, die für die Programmplanung verantwortlich ist, hier namentlich Claudia Scherb, zu Recht und mit Stolz auf die Schultern klopfen. Zwar darf Gauthier Dance als sichere Bank gelten, trotzdem gehört ein gewisser Mut dazu, dem ohnehin verwöhnten Leverkusener Tanz-Publikum immer wieder dieselbe Compagnie zu präsentieren. Vor ausverkauftem Haus tritt die Truppe, die am Theaterhaus Stuttgart angesiedelt ist, mit dem Programm Infinity an, das am 30. April 2015 auf der Heimatbühne Premiere hatte.

Infinity bedeutet Unendlichkeit, und das Zeichen dafür ist nichts weiter als eine umgefallene Acht. Die wiederum steht bei Eric Gauthier einerseits für die Spielzeit, andererseits für die Zahl der Choreografien, die an diesem Abend gezeigt werden. Acht Stücke, das bedeutet gute zwei Stunden prallvolles Programm, Knochenarbeit für die Bühnenarbeiter und Höchstleistung für die Tänzer. So etwas zu bewerkstelligen, dass es hinterher auch noch so aussieht, als bewegten sich die Tänzer eigentlich nur auf der Bühne, weil sie selber so viel Spaß daran haben und es vermutlich nichts Angenehmeres gibt, als anspruchsvollste Choreografien zu absolvieren, zeugt von höchster Meisterschaft. Gauthier selbst ist davon nichts anzumerken, als er nach der ersten Choreografie Black Painting von Nanine Linning in bekannter Manier an die Rampe tritt, das Publikum locker begrüßt, sich für die Einladung bedankt und über das bevorstehende Programm informiert. Spätestens da ist klar, dass man ihn selbst später auch noch einmal auf der Bühne erleben wird. Diesmal allerdings wird er sich selbst übertreffen, wenn er nicht als Tänzer glänzt, sondern mit hohem Symbolwert als Diener seiner Truppe auftritt.

POINTS OF HONOR
Musik
Tanz
Choreografie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Trotz unterschiedlichster Choreografen, Bühnen- und Kostümbildner oder Lichtgestalter gelingt es Gauthier, einen Abend aus einem Guss mit immer neuen Höhepunkten zu schaffen. Auch wenn das Licht, wie üblich, nur sparsam eingesetzt wird: Hier kann man erleben, wie so etwas wirkungsvoll funktioniert, ohne dass die Bühne im Dunkel „absäuft“. Raffiniert-einfache Lichteffekte fokussieren das Geschehen, stellen auch spannende Schatten her, die aber permanent aufgelöst werden, schaffen immer wieder magische Momente mit Gänsehaut-Charakter. Auch die Bühnenbilder sind eher von Minimalismus gekennzeichnet, beschränken sich meist auf Lichtelemente oder wirkungsvolle Hintergründe. Die Bandbreite der Kostüme reicht von erotischer Ausstrahlung bis zu gerade noch erträglicher Albernheit, stimmt aber mit den jeweiligen Themen überein. Ein besonderes Kompliment gilt sicher Po-Cheng Tsai für sein originelles Kostüm in Floating Flowers, dem auf wundersame Weise zwei Personen entsteigen, oder Keso Dekker, der in Hans von Manens Black Cake eleganter Abendrobe sehr viel Erotik entlockt.

Foto © Regina Brocke

Gauthier hat eine Compagnie aufgebaut, die ihresgleichen sucht. Fehlende Berührungsängste vor den Herausforderungen des Balletts – vom Spitzentanz abgesehen – bereichern eine ausgesprochen moderne Bewegungssprache, in der die Hände einen starken Anteil haben. Auch hier übernehmen die Tänzer beiderlei Geschlechts gekonnt und häufig solistische Aufgaben, ohne allerdings auf die Exaktheit ihrer Aufgaben im Corps zu verzichten. Synchron ist hier kein Fremdwort, sondern erfreulicher Bestandteil der Gruppenarbeit, Detail kein angstbehafteter Begriff, sondern erklärtes Ziel. Mit einer solchen Truppe kannst du alles machen. Ob feingearbeitete Blödelei oder tiefgehende Poesie ist bei Gauthier Dance keine Frage des Personals, sondern allenfalls des Themas.

Dazu passt eine Musik, die vom Band kommt und gar nicht live gespielt werden dürfte, weil sie sonst zu sehr von den ungeheuer einfallsreichen, oft mit unaufdringlichem Humor gewürzten Choreografien ablenkte. Sie reicht von Dean Martin bis Arvo Pärt, von Arien bis zu meditativen Klängen. In der wunderbar gelungenen Mischung stellen sich keine Fragen nach der Tauglichkeit einzelner Genres, sondern unterstreichen die satten Klänge in ausgewogener Lautstärke die Absichten der Choreografen.

Selten erlebt man einen solch fein austarierten, vor allem über die Länge des Abends anhaltend aufregenden Tanzabend. Gauthier setzt hier – wieder – künstlerische Maßstäbe, an denen sich mancher, nach Höherem strebende Ballettdirektor die Zähne ausbeißen wird. Denn Gauthier steht nicht nur der Sinn danach, sich selbst zu verwirklichen, sondern vor allem auch das Publikum zu begeistern.

Das allerdings gelingt ihm leicht. Schon bei der Vorankündigung seines neuen Programms Nijinski setzt im Publikum ein Johlen der Vorfreude ein. Zahlreiche, nicht immer passende Zwischenapplause und Kommentare in der Pause belegen, dass es Eric Gauthier mit seiner Compagnie nicht nur gelungen ist, das Niveau der bisher gezeigten Leistungen zu halten, sondern es noch einmal deutlich zu steigern. Das Publikum goutiert das mit stehenden Ovationen, ehe ein hochkarätiger Abend – selbst für Leverkusener Verhältnisse – zu Ende geht. Wer Infinity jetzt noch erleben will, muss sich am kommenden Wochenende nach Gütersloh begeben. Wenn es noch Karten gibt.

Michael S. Zerban