Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Some alt text
Foto © Matthias Stutte

Aktuelle Aufführungen

Verismo-Feier

CAVALLERIA RUSTICANA /
GIANNI SCHICCHI

(Pietro Mascagni, Giacomo Puccini)

Besuch am
9. November 2016
(Premiere am 17. September 2016)

Theater Krefeld Mönchengladbach,
Krefeld

Der Begriff der Italianità wird meist gern von Italien-Liebhabern gebraucht, weil er so tief die Seele des Italienischen trifft und so allgemein ist, dass man wirklich alles von der Vespa über den italienischen Operngesang bis zum Essen oder der Kleidung, aber auch die Gastfreundschaft, Lebensfreude bis hin zu den Zitronen von Amalfi in diesem einzigen Wort fassen kann. Und selbstverständlich gehört auch die Stilrichtung des Verismo in der Oper dazu. Geboren aus dem fehlenden Wissen, wie man die Oper am Ende des 19. Jahrhunderts sinnvoll erneuern könnte, miserabel abgekupfert bei den Franzosen, scheinbar schon im Beginn zum Scheitern verurteilt, sind daraus einige der schönsten Opern entsprungen, die bis heute dem Repertoire erhalten geblieben sind. Und sie funktionieren bis heute, wenn sie „richtig“ inszeniert sind.

François de Carpentries hat jetzt am Theater Krefeld Mönchengladbach mal vorgemacht, wie das gehen kann. Er hat bäuerliche Ritterlichkeit, so die wörtliche Übersetzung von Cavalleria rusticana – im Deutschen die Sizilianische Bauernhochzeit – und Bauernschläue in Gestalt des Gianni Schicchi in einen Zusammenhang gestellt. Pietro Mascagni lässt bekanntlich einen Feiertag in einer italienischen Dorfgemeinschaft in der Katastrophe enden, während Giacomo Puccini dafür sorgt, dass eine Katastrophe auf ganz wunderbar italienische Weise innerhalb einer Großfamilie in eine gerechte Lösung für alle mündet. De Carpentries verlegt nichts in andere Zeiten, sucht keine größeren Zusammenhänge, sondern konzentriert sich ganz auf diese geheimnisvolle Italianità. Und das geht so:

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Siegfried E. Mayer zeigt einen Marktplatz, in dessen Hintergrund eine schwarze Mauer erkennbar ist. Oben links ist eine Madonna eingelassen, die schwach erleuchtet ist. Vor der Kirchenmauer eine Stuhlreihe, auf der die Bewohner des Dorfes sitzen – alte Leute. Links führen ein paar Stufen hinter die Mauer, rechts werden später durch zwei Tische verschiedene Handlungsorte symbolisiert. Auf die rechte Bühnenwand werden zwischenzeitlich Videos projiziert, die an Fellini erinnern. Die verbliebenen Dorfbewohner sind von Karine van Hercke im typischen Schwarz und Grau der Witwen und überlebenden Männer gekleidet. Der kitschige Rauschegold-Engel sei ihr verziehen, der ist vermutlich selbst für Italiener zu viel. Zwar deutet sich schon hier die Detailverliebtheit des Regisseurs an, wenn etwa die Dorfprozession am Ostermorgen zelebriert wird oder die Madonna in strahlendem Licht erscheint; was sich daraus entwickelt, wird aber erst im zweiten Teil des Abends so richtig glänzen. In der Cavalleria nimmt de Carpentries die Handlung zurück, reduziert sie auf die wesentlichen Schlüsselelemente, um der wunderbaren Musik den Raum zu geben, der ihr gebührt.

In der Komödie packt das Leitungsteam so richtig aus. Gianni Schicchi lebt weniger von der Musik als von einer brillanten Inszenierung. Die Bühnenarchitektur bleibt gleich. Aber auf der linken Wand ist jetzt eine Rosentapete aufgetragen, auf der ein Bild hängt, das Florenz zeigt. Was vorher eine Kirchenmauer war, ist jetzt mit einer Tapete verkleidet, die an die 1970-er Jahre erinnert, sich als Bodenbelag und im Morgenmantel von Buoso fortsetzt. Hochtoupierte Perücken passen zu schrillen Kostümen, die so liebevoll gestaltet sind, dass sie Hippie-Zeit und traditionelle Verhaltensmuster lässig vereinen. Im Vordergrund der Bühne gibt es jetzt Gelsenkirchener Barock, in dem auch schon mal ein Haartrockner auftaucht, der als Lampe dient. Vor der Mauer eine Bettengruft, wie sie Heine kaum schöner gehabt haben dürfte. Die Augen laufen einem über. Man kann gar nicht so viel staunen und gucken, um all das, was auf der Bühne passiert und zu sehen ist, beim ersten Mal zu erfassen.

Foto © Matthias Stutte

Als ob das nicht reicht, garantieren Musik und Gesang für einen unvergesslichen Opernabend. Operndirektor Andreas Wendholz und seinem Team ist es über die Jahre gelungen, am Theater Krefeld Mönchengladbach ein Ensemble zusammenzustellen, das sich mit seiner Spielfreude nicht nur auf die verrücktesten Experimente einlässt, sondern auch stimmlich längst die Dimensionen eines Stadttheaters gesprengt hat. Sein besonderes, zusätzliches Engagement gilt seit einiger Zeit dem Aufbau des Opernstudios Niederrhein, das behutsam und liebevoll in die Arbeit des Ensembles integriert wird. Dass das überhaupt keine Selbstverständlichkeit ist, zeigen viele andere Beispiele. Die „Niederrheiner“ können sehr stolz auf ihr Theater sein.

Das zeigt auch dieser Doppelopernabend, der einen enormen Ensemble-Einsatz schon allein in personeller Quantität verlangt. Aus qualitativer Sicht gibt es schon gar keine Nebenrollen. Trotzdem gilt es, Hervorhebungen zu treffen. Angefangen bei Chor und Extrachor, die Maria Benyumova mal wieder zu Höchstleistungen führt. Eva-Maria Günschmann gibt eine Santuzza, wie man sie sich nicht gelungener vorstellen kann. In der Handlung ein wenig zurückgenommen und dadurch umso überzeugender – eben Verismo – im Gesang ein Genuss. An ihrer Seite ein Turiddu, der – aus Münster kommt. Adrian Xhema ist für den erkrankten Michael Wade Lee eingesprungen und fühlt sich auf der Krefelder Bühne sichtlich wohl. Johannes Schwärsky als Gegenspieler Alfio glänzt gleich in beiden Einaktern.

Wie frisch geduscht, gibt er in Gianni Schicchi gleich anschließend die Titelrolle mit Verve. Und dann kommt sie, die Bewährungsprobe für jeden lyrischen Sopran: Sophie Witte als Lauretta hat die Arie O mio babbino caro – O, mein geliebtes Väterchen – vor der schmalen Brust. In so einem ausgeflippten Kostüm kann das eigentlich gar nicht richtig klappen. Das Publikum hält den Atem an. Jetzt zählt jede Note, jeder Atemzug. Witte zeigt, was diese Arie sein kann. Eben keine Arie, die man so singt, sondern die flehentliche, die einzige Bitte an den Vater, die Beziehung mit Rinuccio gutzuheißen. Puccini wäre in Tränen der Rührung ausgebrochen. In der Höhe wunderbar gerundet, jeden Akzent richtig gesetzt, kann ihr Vater nur noch Milde zeigen. Dass die Sängerin beim „Ponte Vecchio“ noch den Fuß in die Leere des unter ihr liegenden Grabens setzt, ist das Sahnehäubchen auf den Gesang.  Witte überzeugt nicht nur den Vater, wie wir wissen, sondern auch das Publikum, das in tosenden Applaus ausbricht.

Es wird ein Abend der Superlative, und daran kann auch Mihkel Kütson nichts ändern. Der Generalmusikdirektor ist ein Symphoniker. Dafür lieben ihn die Niederrheinischen Sinfoniker und folgen ihm – gnadenlos. Auf Stimmen wird da keine Rücksicht genommen. Bei Mascagni geht das noch durch, weil die Musik in ihrer Schönheit die Handlung bei Weitem überwiegt und eine Günschmann sich knapp gegen das Orchester durchsetzen kann; bei Gianni Schicchi wird es zum über lange Strecken überbordenden Instrument, das der Textverständlichkeit keine Chancen lässt. Diskutieren kann man das insofern, als es bei den Sängern vor allem im zweiten Teil doch erhebliche Schwierigkeiten mit der italienischen Sprache gibt.

Das Publikum, insoweit es überhaupt erschienen ist, gibt sich verwöhnt und undiszipliniert. Da wird gequatscht, was das Zeug hält, um schließlich einen halbherzigen Applaus abzuliefern. Das wird einem großartigen Abend in der Oper sicher nicht gerecht. Und den hat das Theater Krefeld Mönchengladbach einmal mehr in dieser Spielzeit abgeliefert.

Michael S. Zerban