Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Gerd Harder

Aktuelle Aufführungen

Geige für Tochter und Schwiegermutter

EPLOSIVE LIVE!
(David Garrett)

Besuch am
1. Dezember 2016
(Einmalige Aufführung)

 

 

Lanxess-Arena, Köln

Für die Bild am Sonntag ist er der „coolste Geiger der Welt“, für Stefan Raab der „schönste Geiger der Welt“, seit seinem „Hummelflug“ in 66 Sekunden thront er im Guinness-Buch als „der schnellste Geiger der Welt“ und die Verkaufszahlen seiner CD küren ihn, aus merkantil orientierter Publicity-Perspektive, zum derzeit „erfolgreichsten Geiger der Welt“. Seit Nigel Kennedy, Vanessa Mae und André Rieu verstand es kein Streicher, breite Publikumsschichten so elektrisierend für das Saitenspiel zu begeistern wie David Garrett, der 36-jährige Geiger aus Aachen, der mit zwölf Jahren zusammen mit Menuhin musizierte und mit 13 Jahren Mozart-Konzerte mit Claudio Abbado einspielte. Konsequent brach er selbst seine problematische Wunderkind-Karriere ab und schlug in New York neue Zelte auf.

Dass er als „Beckham der Violine“ mit seinen populären Crossover-Projekten von einem abgelegten Marketing-Korsett in ein noch engeres Publicity-Mieder geschnürt worden sein könnte, weist der sympathische Geiger von sich. Kennt man ihn und seine Biografie ein wenig, glaubt man ihm das. Verbiegen lässt er sich nicht (mehr). Und die Freude, die er ausstrahlt, wenn ihm, wie jetzt im Rahmen seiner ausgedehnten Deutschland-Tournee in der Kölner Lanxess Arena 8000 Fans fasziniert zuhören, wirkt grundehrlich.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

 „Crossover“ ist ein Etikett, mit dem schon viele Künstler ihr Glück versuchten, nahezu ausnahmslos mit wenig oder nur kurzem Erfolg. Dass Garrett seit über zehn Jahren ohne jede Abnutzungserscheinung Riesensäle in Serie füllt und auf seiner derzeitigen Tournee in etlichen Städten noch Zusatzkonzerte anbieten muss, ist ein in diesem Ausmaß singuläres Phänomen. Seine gründliche musikalische Ausbildung und sein großes Talent reichen als Erklärung nicht aus. Wenn man das Publikum in der Lanxess Arena betrachtet, fällt die ungewöhnliche breit gestreute Altersstruktur auf. Dass Teenager und gereifte Musikfreunde jenseits der Pensionsgrenze gleichermaßen aus dem Häuschen geraten, zeigt die Fähigkeit Garretts, einen besonderen Draht zu seinen Fans herzustellen. Er rührt die Herzen der Töchter wie auch die der Schwiegermütter. Und die des männlichen Anhangs gleich noch dazu.

Foto © privat

Explosive Live! nennt der Aachener seine noch bis in den April reichende Tournee, anspielend auf sein letztes Album. Abgesehen von einer runden, drehbaren Bühne im Zentrum der Lanxess Arena hat sich gegenüber früheren Tourneen am Ambiente nicht viel verändert. Garrett vertraut nach wie vor den musikalischen und technischen Partnern seiner früheren Triumphzüge. Seine kleine Band mit Multi-Talent Franck van der Heijden an der Spitze und die Neue Philharmonie Frankfurt sorgen für die akustische Untermalung, die Grazien des Deutschen Fernsehballetts für eine Prise Sexappeal und die bewährten Licht- und Pyrotechniker für jenen optischen Glamour, der zu jedem Show-Event gehört.

Was das Programm betrifft, zeigt Garrett ein glückliches Händchen für eine ausgewogene Mischung aus Bekanntem und Neuem, wobei er sich von seinem Image als Grenzgänger zwischen Klassik und Rock allmählich zu lösen beginnt. Die Klassik nimmt mit klanglich ruppigen Spurenelementen aus Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert und Vivaldis Vier Jahreszeiten nur noch einen marginalen Platz ein. Auf diesem Feld schlägt er getrennte Wege ein, wenn er im März des kommenden Jahres in Süddeutschland und Österreich Tschaikowskys Violinkonzert in klassischer Reinkultur spielen wird. Auf diesem Parkett dürfte ihm allerdings durch eine übermächtige Konkurrenz ein erheblich stärkerer Wind entgegenwehen.

Der Anteil eigener Kompositionen wächst an, die auch besonders gut ankommen. Rockklänge und zarte Gefühle in jeweils moderater Dosierung bewahren den Zuhörer vor Hörschäden ebenso wie vor triefender Gefühls-Soße. Und wenn er zum sanften Midnight Waltz aus der Feder seines Freundes Franck van der Heijden durch die Reihen wandert, bleibt kein Smartphone unberührt. 

Schlichte, meist banale Ansprachen unterstreichen seine Bodenhaftung. Und wenn er auch noch eine Komposition seiner „kleinen Schwester“ Elena von der nur zwei Mal in Erscheinung tretenden Sängerin Edita anstimmen lässt, ist das Familienglück innerhalb der Fan-Gemeinde komplett.

Dazu gibt es Rock-Klassiker von Prince, Paul McCartney, Michael Jackson und anderen Größen des Geschäfts, allesamt mit viel Gefühl, Power und ansteckender Spiellaune serviert. Dass die elektronische Verstärkung die Qualitäten seiner Stradivari nicht zur Geltung kommen lässt, dürften seine Fans verschmerzen. Allerdings könnte man sich schon einen etwas weniger scharfen Grundklang vorstellen, zu dem die oft übermächtig dominierende Band wesentlich beiträgt.

Die Reaktionen auf das Spektakel gipfeln erwartungsgemäß in hymnischen Ovationen.

Pedro Obiera