Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

Some alt text
Foto © Karlheinz Fessl

Aktuelle Aufführungen

Goldige, szenische Fadesse

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
10. November 2016
(Premiere)

 

 

Stadttheater Klagenfurt

Goldstaub scheint in der Luft zu liegen, denn er legt sich auf Haare, Kopf, und  Hände. So manche Gewänder und Palmzweige leuchten ebenfalls goldig. Eine goldene Glitzerwolke schwebt meist über den Köpfen der Protagonisten und wird schließlich, sich senkend zum fluchtvereitelnden Netz für die Fliehenden: Die Farbe Gold hat es der Ausstatterin Jessica Rockstroh offenbar sehr angetan, denn sie dominiert die Bühne und die etwas eigenwillig wirkenden Kostüme.

All das bewirkt in der minimalistischen Szenerie mit einer Art halbrunden, durchscheinbaren Zelts, einigen Lichterketten, Palmen und Schattenrissen durchaus eine gewisse Ästhetik. Nur weiß Michael Schachermaier bei seiner ersten Opernregie überhaupt nicht viel daraus zu machen. Denn die Premiere von Wolfgang Amadeus Mozarts Entführung aus dem Serail am Stadttheater Klagenfurt ist geprägt von Statik, Ideenmangel, Unentschlossenheit, ja Fadesse. Diese Langweile entsteht ganz besonders durch mangelnden Charme und vor allem fehlenden Witz, was auch durch die starke Kürzung der Dialoge hervorgerufen wird. Wenn man bedenkt, was sich aus den schon mehrfach selbst erlebten Szenen von Osmin und Pedrillo sowie Osmin und Blonde so alles machen ließe. Das liegt aber nicht unbedingt am Ensemble, das durchaus immer wieder Ansätze von Spielfreude erkennen lässt.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Zumindest kommt die zutiefst humanistische und verzeihende Botschaft des Singspiels schön über die Rampe. Hingegen wird der topaktuelle Konflikt zwischen Islam und Christentum oder zwischen Mann und Frau ziemlich ausgespart. Bei suggestivem Licht im Finale, als Konstanze unentschlossen zwischen den beiden Männern steht und sowohl die Hand des Bassa Selim wie auch jene von Belmonte gleichzeitig festhält, gelingt jedoch noch ein starker Moment.

Foto © Karlheinz Fessl

Stimmlich erscheint das Sängerensemble insgesamt zu leichtgewichtig zu sein: Eine Ausnahme ist Anna Rajah in der extrem schwierigen Rolle der Konstanze, die mit ihrem dunkelgefärbten, stimmkräftigen Sopran herausragt. Besonders die Marterarie gerät ihr bis auf einige scharfe Spitzentöne und angestrengte Koloraturen vortrefflich. Über einen viel zu leichten, hellen Tenor verfügt Simon Bode als schmachtender Belmonte. Koloraturensicher und quirlig hört man Amelia Scicolone als Blonde, einer Rolle, von der auch außergewöhnliche Stimmkünste verlangt werden. Mathias Frey ist ein guter Pedrillo, Raphael Sigling ein viel zu netter Osmin, eine der zwiespältigsten Figuren des Stücks, mit profunder Tiefe, aber auch zu wenig Volumen. Blass und kaum bühnenpräsent ist Pascal Lalo, dem es an einer sonoren Stimme mangelt, als Bassa Selim. Gut singt der meist wie Statuen herumstehende Chor des Hauses, der von Günter Wallner einstudiert wurde.

Hingegen kann man das zweite Debüt, nämlich jenes der Dirigentin Giedre Slekyte –  die neue Erste Kapellmeisterin am Haus leitet ihre erste eigene Produktion überhaupt – als glänzend bezeichnen: Mit großer Frische und reichen, dynamischen  Akzenten hört man unter ihrer energischen Stabführung das Kärntner Sinfonieorchester im höher gefahrenen Orchestergraben. Die auserlesenen melodischen Erfindungen werden mit ungekünsteltem Ausdruck und feinsinnig angedeutetem orientalischen Kolorit präsentiert.

Das Publikum, darunter viele hauseigene Besucher, spendet viel Applaus.

Helmut Christian Mayer