Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Roger Rossell

Aktuelle Aufführungen

Optisch beglückender Abend

NOBODY'S LAND/FLEETING FEATHERS
(Maya Gomez, Belnard Azizaj)

Besuch am
9. November 2016
(Deutsche Erstaufführung)

 

 

Tanz Karlsruhe, Tempel Scenario

Ein kalt-verregneter Novemberabend in Karlsruhe, eigentlich Zeit, es sich daheim gemütlich zu machen. Doch im Kulturverein Tempel drängen sich die Menschen, die Stimmung ist gut: Man spürt die Vorfreude auf das nunmehr seit 20 Jahren stattfindende Tanzfestival und seine heutige Eröffnungsveranstaltung.

Das junge Tänzerpaar Gomes und Azizaj präsentieren eigene Choreografien in deutscher Erstaufführung. Sie haben bereits mit den Größen der Szene zusammengearbeitet. Sasha Waltz & Guests und Arkam Khan werden mit ihnen in Verbindung gebracht, die Messlatte hängt entsprechend hoch. Doch bevor der Abend beginnt, betreten Hans Traut, Kurator des Festivals, und Wolfram Jäger, Erster Bürgermeister der Stadt Karlsruhe, die Bühne. Was folgt, ist kein gestelzter „Staatsakt“, sondern eine bodenständige Begrüßung, in der das Publikum vom Kurator herzlich geduzt wird. Politik, Kultur und Publikum wissen offensichtlich, was man voneinander erwarten kann. Die Reden enden rasch und der Bürgermeister wünscht den Anwesenden schwungvoll einen „optisch beglückenden Abend“ – Ein runder Einstieg in drei Wochen Tanz in Karlsruhe.

POINTS OF HONOR
Musik
Tanz
Choreografie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das erste Stück des Abends NoBody’s Land, selbst getanzt vom Choreografen-Duo, setzt sich mit Grenzen und dessen Übertritt auseinander. Auf der schlichten schwarzen Bühne ist ein Haufen getrockneter Blütenblätter aufgetürmt. Ein Tau hängt von der Decke, an das sich Azizaj, in Stoffhose und Hemd gekleidet, wiederholt hängt, um hiernach auf den Boden zu fallen. Gomez, ein zartes, lilafarbenes Kreppkleid tragend und die Haare zu einem halben Bauernzopf geflochten, nimmt den Blütenberg für sich ein und verharrt dort. Es wird nicht lange dauern, und die Blüten und Blätter bedecken den Bühnenboden, kleben unkontrollierbar an den Tänzerkörpern. In gut 35 Minuten verhandelt das Duett teils unfassbar zart und in sich gekehrt, dann wieder laut, stampfend aufbegehrend darum, ihre Grenzen zu spüren. Die Choreografen finden hierbei kreative, eingängige Bilder voller Emotionen, die das Potenzial haben, den Zuschauer auf ihre Reise mitzunehmen. Das Stück wird gerahmt von einer Sängerin, die zu Beginn und zum Schluss des Stücks einen verträumten Gesang aus dem Zuschauerraum anstimmt und die lyrische Atmosphäre hiermit besiegelt.

Foto © Sjoerd Derine

Fleeting Feathers folgt nach der Pause. Für Konzept und Choreografie zeichnet Blenard Azizaj allein verantwortlich. Der Lauf der Zeit soll in diesem Stück für vier Frauen und zwei Männer verhandelt werden. Die Ausführungen im Programmheft lesen sich philosophisch, jedoch zu schwammig, um eindeutig das folgende Bühnengeschehen zu beschreiben.

Maya Gomez hebt sich von der Gruppe ab, in weißem Ballonrock steht sie auf einer Schaukel, die von der Decke hängt. Die Gruppe, erneut in unauffällige Stoffhosen und Oberteile gekleidet, sieht zu ihr auf, um sie dann zu vereinnahmen. Wie bereits im ersten Stück können emotionale Bilder heraufbeschworen werden, die den Zuschauer auf ihre Reise mitnehmen können. Die Blütenblätter aus dem ersten Stück des Abends liegen noch auf der Bühne und kleben bald auch an den verschwitzten Körpern der Tänzer. Wummernde Klänge und schnelle Gruppenszenen treten in Wechsel zu kleineren Szenen und Soli. Das Ensemble knäuelt sich ineinander, auf dem Boden, im Stehen, springt auseinander, gebärdet und windet sich unaufhörlich. Häufig fallen die Tänzer lautstark zu Boden, um hiernach blitzschnell wieder aufzustehen. Jedoch hat das Stück seine Längen und der Tanz gerät stellenweise etwas zu abstrakt, um wirklich nachvollziehbar machen zu können, um was es geht. Wer sich daran nicht allzu sehr stört, kann ein energiegeladenes, hoch engagiertes Ensemble erleben, das durch starke Präsenz glänzt.

Das Publikum an diesem Abend ist glücklich und gibt das mit seinem herzlichen Applaus kund. In den kommenden Wochen wird man wahrscheinlich häufiger zusammenkommen, um das Programm zu erleben, das die Festival-Verantwortlichen für Karlsruhe zusammengestellt haben. Ein buntes Programm verspricht es zu sein, ob am Ende ein roter Faden erkenntlich sein wird, bleibt jedoch abzuwarten. 

Jasmina Schebesta