Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Heymann Brother Films

Aktuelle Aufführungen

Schön gaga

MR. GAGA
(Heymann Brothers)

Besuch am
23. November 2016
(Premiere)

 

 

Tanz Karlsruhe, Kino Die Kurbel

Dieses Jahr feierte nach über sieben Jahren Dreharbeiten der Film Mr. Gaga in Deutschland Premiere. Verantwortlich hierfür zeichnen die israelischen Heymann-Brüder, die mit ihrer unabhängigen Produktionsfirma einen Schwerpunkt auf das Dokumentationsgenre legen. Sie sind mit dem Protagonisten ihres Films durch persönliche Freundschaft verbunden.

Auch wenn spontane Assoziationen zum Filmtitel Verbindungen zu einer US-amerikanischen Popsängerin vermuten lassen, liegt man damit völlig verkehrt: Gaga, so nennt der zeitgenössische israelische Choreograf Ohad Naharin seine Tanzsprache. Eine weniger von Formensprachen des akademischen Tanzes geprägte, sondern durch Introversion, also durch das in sich hineinhorchen, erzielte Bewegungsform, die Tänzer wie Nicht-Tänzer ausüben und erfahren können. Die hieraus resultierenden Bühnenstücke von Naharin entfalten eine Unmittelbarkeit und Energie, die ihn zu einem bedeutenden Choreografen unserer Zeit macht.

POINTS OF HONOR
Musik
Kamera
Regie
Ton
Publikum
Chat-Faktor

Obwohl eingangs im Film eingeblendete Zitate zur Einordnung des Choreografen Schlagworte wie „Guru“ und „wichtigster Choreograph“ verwenden, bleibt im nachfolgenden die pathetische Huldigung des vermeintlichen Meisters der Tanzkunst aus. Was der Zuschauer vielmehr erleben kann, ist eine biographische Zeitreise durch die Tanzwelt ab den 1960-er Jahren mit Schwerpunkten in New York und Israel. In einem zumeist chronologischen Ablauf werden Stationen im Leben des Choreografen geschildert.

Gaga im Kino-Foyer - Foto © Opernnetz

Man begegnet Martha Graham, Rudolf Nurejev, Maurice Bejart und anderen Tanzgrößen der Zeit. Das wird unter Zuhilfenahme von unzähligen kurzen Filmschnipseln unter anderem aus dem Privatarchiv Naharins und Einblicken in die Studioarbeit des Choreografen ermöglicht. Angereichert werden die Bilder mit Interviews von Wegbegleitern und Naharin selbst. Dabei kommt eine bunte und teilweise kunstvoll zusammengeschustert anmutende Collage unterschiedlicher Film- und Videoformate zustande, die große Nähe entstehen lässt. Sie zeigt aber auch, wie Video und Tanz gemeinsam über die Jahrzehnte gewachsen sind und voneinander profitieren. Ein insgesamt unterhaltsamer Tanzfilm in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln, der mit Sicherheit seinen festen Platz in der Reihe gut gemachter Tanzfilme einnehmen wird.

Gezeigt wird der Film im Rahmen des Festivals Tanz Karlsruhe an einem Abend, der das kleine, genossenschaftlich organisierte Kino Die Kurbel leider nicht komplett auslastet. Nach dem Film erwartet das Publikum im Foyer die Möglichkeit, die Gaga-Technik unter Anleitung selbst auszuprobieren. Dieses kleine Bonbon kommt bei den Zuschauern gut an und bei weit geöffneten Türen zur Stadt hinaus konnte auch der eine oder andere Passant der Gruppe beitreten.

Letztlich sind es Filme wie Mr. Gaga, die Lobbyarbeit für die Tanzwelt leisten. Hier wird auf unterhaltsame Weise mit dem Finger auf eine Kunstform gedeutet, deren inhärente Sprachlosigkeit vielerorts zum Verhängnis wird.

Jasmina Schebesta