Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Franz-Schubert-Chor

Aktuelle Aufführungen

Glanz und Elend

LEBEN - EINE SCHUBERTIADE
(Henrik Albrecht)

Besuch am
5. November 2016
(Uraufführung)

 

Franz-Schubert-Chor,
Laeiszhalle Hamburg

Der Franz-Schubert-Chor wurde nach einer durch den Nationalsozialismus unterbrochenen Tradition unmittelbar nach dem Krieg wieder ins Leben gerufen und hat seine Rolle als wichtiger Teil des Hamburger Musiklebens seitdem wieder wahrgenommen.  Das Ensemble mit heute über 80 Mitgliedern gilt als ambitionierte Amateurvereinigung mit Mut zu außergewöhnlichen Kompositionen und Formaten und verpflichtet regelmäßig professionelle Ensembles und Künstler für gemeinsame Konzertauftritte. Die Mitglieder veranstalten regelmäßig Reisen mit Auftritten im Ausland. Seit 2009 steht er unter der engagierten Leitung von Christiane Hrasky. 

Der Chor wird nun also 70 Jahre alt und beschenkt sich selbst mit einem Auftragswerk. Anlass- und namensgerecht gewissermaßen ist nichts weniger als gleich ein ganz neues Genre entstanden, nämlich eine Chor-Oper über das Leben Franz Schuberts. Der Kölner Komponist und Musiker Henrik Albrecht hat es komponiert. Das Werk basiert auf den Texten von Andreas Durban.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Struktur des Werkes basiert auf einem passagenweise zweigeteilten Chor und drei Solisten, einem Tenor, einem Bariton und einer Sopranstimme. Die Handlung entwickelt sich in wechselseitigem Einsatz von Chor und Solostimmen, wobei die Gesangslinien sich wiederholt wie in einer cineastischen Überblendung unmerklich abwechseln oder überlagern.

Andreas Durban und Henrik Albrecht - Foto © Opernnetz

Der nachgerade filmhaft basierte Einsatz von Stimmen, Orchesterfarben und Sprachinhalten, inklusive der Überblendtechnik stellt für den heutigen in digitalen Wahrnehmungsmöglichkeiten geschulten Hörer ein aktuelles Format dar, welches die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu fesseln vermag. Die Texte führen zudem in einfacher Form und ohne jede Überfrachtung, pragmatisch, klar und außerordentlich bildstark durch das schwere, entbehrungsreiche, später durch Krankheit gezeichnete Leben Schuberts.

Die musikalische Struktur des Werkes bezieht eine Reihe Schubertscher Melodien und Themen ein, die für den Hörer je nach persönlichem Kenntnisstand mehr oder weniger erkennbar sind. Die Besetzung mit dem groß besetzten Orchester der Hamburger Symphoniker, einem ebenfalls auf eine 60-jährige Tradition im Hamburger Musikleben zurückschauendes Ensemble, überrascht etwas. Die auf Klarheit und Gradlinigkeit der Stimmführung und -gestaltung sowohl beim Chorensemble als auch den Solisten ausgerichtete musikalische Linie wird mit der traditionellen, romantischen Fülle des Orchesterklangs eher relativiert. Außerdem wird das Werk damit an eine Stil- und Formebene angelehnt, die es in seiner Qualität nicht erfüllt und in seiner Modernität behindert. 

Bei den Solisten überzeugt die flexible, verständliche und ausdrucksstark geführte Bariton von Maximilian Krummen. Michael Connaire und – in der kleineren Sopranpartie Karola Pavone – runden das Solistenensemble ab. Der Chor kann durch Klangschönheit, Textverständlichkeit und einfühlsame Stimmlinienführung, gerade bei den filmhaften Facetten der Partitur überzeugen. Für eine stärkere Ausarbeitung und Pointierung des Gesamtklanges, insbesondere mit dem relativ großen Orchesterapparat, hätte möglicherweise eine längere Probenzeit noch bessere Ergebnisse erzielt.      

Auch „schreien“ die farbenreichen Klangelemente der Partitur geradezu danach, das Werk in einem alternativen, weniger traditionell geprägten Raum und Ambiente als der alten Hamburger Musikhalle zu präsentieren.    

Freilich muss man einen großen Raum zur Verfügung haben, denn es kommen wirklich viele Menschen. Die Laeiszhalle ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Und das mit einem bunten Publikum über alle Altersgruppen hinweg. Schon der äußerst herzliche Auftrittsapplaus für den Chor macht deutlich, dass viele Familien und Freunde der Sänger gekommen sind. Auch Komponist Henrik Albrecht und Textdichter Andreas Durban werden nach der Uraufführung mit viel Applaus und Blumen herzlich gefeiert.

Bleibt zu hoffen, dass diese heute so wichtige Begegnung mit der klassischen Musik die Besucher, die vielleicht sonst nicht regelmäßig ins klassische Konzert finden, neugierig genug geworden sind, diese Erfahrung zu wiederholen.  Möglicherweise kann der Chor diese Menschen ja auch einmal an ganz anderen Orten, in anderem Rahmen und Ambiente wiederholt dazu „verführen“.

Achim Dombrowski