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Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Klaus Lefebvre

Aktuelle Aufführungen

„Bitte nicht schütteln …“

DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN
(Emmerich Kálmán)

Besuch am
12. November 2016
(Premiere)

 

 

Theater Hagen

Es bringt nichts, immer wieder auf die existenzielle Notlage des Hagener Theaters hinzuweisen. Jammern ersetzt keine Therapie. Den dunklen Wolken stemmt sich das Ensemble zum Jahresende mit einer rundum gelungenen Neuproduktion von Emmerich Kálmáns Meister-Operette Die Csárdásfürstin entgegen. Dass es sich um ein eher leises, von feiner Melancholie durchzogenes Stück handelt, das im Schatten des ausgebrochenen Ersten Weltkriegs entstanden ist und kein Futter für übermütige Klatschmärsche bietet, passt durchaus zur Stimmung am Theater, das der verdienstvolle Intendant Norbert Hilchenbach Ende der Saison verlassen wird.

Die Meriten des sensiblen Werks haben in den letzten Jahren bereits die Deutsche Oper am Rhein sowie die benachbarten Häuser in Dortmund, Essen und Gelsenkirchen unter Beweis gestellt. Die Hagener Produktion wirkt in der Regie von Holger Potocki recht brav und verhalten. Schwung erzielen vor allem die vielen, von Alfonso Palencia einstudierten Tanzeinlagen und die prall-vitalen Auftritte von Maria Klier als Komtesse Anastasia und ihres zukünftigen Gemahls Graf Boni alias Richard van Gemert. Gut, dass Potocki, der in Hagen zuletzt mit einer faden Inszenierung von Tschaikowskys Eugen Onegin nur bedingt überzeugen konnte, den melancholischen Unterton nicht durch aufgesetzten Klamauk übertönen möchte. Als Running Gag ist Graf Bonis Angst vor dem resoluten Zugriff seines Freundes Edwin mit dem wiederholten Appell „Aber bitte nicht schütteln …“ völlig ausreichend.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Dass der Weltkrieg in die Handlung eingreift, indem dem Protagonisten Edwin der Einberufungsbefehl ins Haus flattert und das ganze Stück ein wenig Leichengeruch angesichts des zerbröselnden k-u-k-Glanzes verströmt, könnte man allerdings prägnanter und deutlicher einbringen. Immerhin bevölkern bei Potocki Kriegsflüchtlinge im letzten Akt das Hotel-Foyer und in einer kurzen Traumsequenz Prinz Bonis flimmern zukünftige Bilder populistischer Menschenfänger unserer Tage per Video-Einblendung von Volker Köster über das Flaschenregal der Hotelbar. Allerdings bleiben diese Einlagen isoliert und werden nicht in die Inszenierung eingebunden.

Foto © Klaus Lefebvre

Die dunkel eingefassten, historisch orientierten Bühnenbilder von Bernhard Niechotz fangen das dekadente Ambiente schon besser ein. Die Balletteinlagen und die fliegenden Champagnerkorken lassen immerhin erahnen, dass die gute Laune als Tanz auf dem Vulkan zu verstehen ist.

Schade, dass Kapellmeister Steffen Müller-Gabriel das Philharmonische Orchester Hagen zu einem robusten, nicht immer feinsinnigen Spiel antreibt. Ob der raue Orchesterklang oder die nach oben offenen und akustisch problematischen Bühnenbilder den Hauptanteil zum Eindruck beitragen, dass die Sänger, sogar erfahrene und stimmstarke Säulen des Ensembles, klanglich in die Ecke gedrängt werden, ist schwer zu sagen. Nach der deftig auftrumpfenden Ouvertüre müsste sich das Orchester auf jeden Fall zurücknehmen.

Zu den bewährten Kräften des Hauses zählt etwa Richard van Gemert, der mit viel Spielfreude die schillernde Rolle des Prinzen Boni stimmlich und szenisch vortrefflich ausfüllt. Ihm zur Seite glänzt Maria Klier als quicklebendige Komtesse Anastasia. Ihrer Vitalität, ihrem Charme und ihrem silbrig hellen und sicher geführten Sopran ist es zu verdanken, dass der Abend nach der Pause an Fahrt gewinnt. Eine nachdenkliche Csárdásfürstin mit großem Charisma präsentiert Veronika Haller, die auch stimmlich vollauf überzeugt, solange sie nicht Töne in Regionen anstimmen muss, in denen ihr Sopran nur noch verhärtet anspricht. Kenneth Mattice als jugendlicher Liebhaber Edwin verfügt für seine anspruchsvolle Partie über einen frischen, tragfähigen, wenn auch etwas kleinen Bariton. Zu den Pluspunkten der Besetzung ist noch Rainer Zaun als ungarischer Musenfreund Feri von Kerekes zu nennen. Auch sonst sind exzellente Ensembleleistungen einschließlich des Chores und des Balletts zu verzeichnen.

Das Publikum genießt die Premiere sicht- und bei manchem mitsummenden Gast auch hörbar. Entsprechend reichlich fällt der Beifall aus.

Pedro Obiera