Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Hermann Enkemeier-Berle

Aktuelle Aufführungen

Von Herzen kommend

STABAT MATER/MISSA SOLEMNIS
(Giovanni Battista Pergolesi,
Ludwig van Beethoven)

Besuch am
20. November 2016
(Premiere)

 

Projektchor,
St.-Adolfus-Kirche, Düsseldorf

Als Stephan Hahn 1992 einen Autounfall erlitt, bedeutete das nicht nur einen existenziellen Einschnitt in das eigene Leben. Dabei war bis dahin eigentlich alles prima gelaufen. Bereits im Alter von sechs Jahren erhielt er Klavier- und Orgelunterricht, mit vierzehn begann er das Orgelstudium am Düsseldorfer Robert-Schumann-Institut. Es folgte das Konzertexamen, und ab 1980 war er Kantor der St.-Ludger-Kirche im Düsseldorfer Stadtteil Bilk. Sein Chor absolvierte Auftritte im Kölner Dom, in Wien und in Brüssel. Auch damit war 1992 Schluss.

Oder doch nicht ganz. Ohne Unterstützung der Kirche gründete Hahn 2005 den Projektchor. Ein Chor mit Laien und doch kein Laienchor. Höchsten Ansprüchen will der Konzertchor gerecht werden. Mit dem Verdi-Requiem im vergangenen Jahr in der Adolfus-Kirche, das dieser Tage auch im lokalen Fernsehsender ausgestrahlt wird, unterstrich der Chor diesen Anspruch und wurde erneut eingeladen. Entschied sich für ein Programm, das in der Tat aufhorchen lässt. Neben Giovanni Battista Pergolesis Stabat mater steht nichts weniger als die Missa solemnis von Ludwig van Beethoven auf dem Zettel.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Oder besser: im Programmheft. Das ist grafisch ordentlich aufgemacht, gibt Informationen über die Auftretenden und musikalisch-schlaue Texte, aber weder die einzelnen Sätze noch die gesungenen Texte wieder. Bei der Textverständlichkeit, die am Abend geboten wird, so viel darf vorausgeschickt werden, ein böses Manko.

Foto © Hermann Enkemeier-Berle

Die Kirche, im Zweiten Weltkrieg gleich zweimal ausgebombt, in den Nachkriegsjahren wieder aufgebaut, erweist sich als architektonisches wie auch akustisches Schatzkästchen und ist an diesem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt.

Stabat mater war ab 1736 so etwas wie ein Renner der Kirchenmusik. Es war modern komponiert, abwechslungsreich und sah Maria nicht mehr als überhöhte Heilige, sondern als Menschen. Das war neu, kam aber an. Hahn inszeniert das Werk sehr zurückgenommen, mit feinem Gefühl für die historisch informierte Aufführungspraxis. Das kleine Orchester rekrutiert er, wie später auch, unter anderem aus Mitgliedern des Kölner Sinfonieorchesters. Der Chor, reduziert auf die weiblichen Mitglieder, erfreut mit klarem, exaktem Gesang. Sopranistin Sabine Kallhammer glänzt mit höhenfreundlichem, luzidem Klang, ohne allerdings auf die Textverständlichkeit Wert zu legen. Weitaus eindrucksvoller präsentiert sich Daniel Gloger als Countertenor, der sich in der ganzen Bandbreite seiner Vokalkunst sicher bewegt. Eine durchaus beglückende Aufführung findet nach etwa 40 Minuten ihr Ende.

Die Missa solemnis von Ludwig van Beethoven gilt als eines der anspruchsvollsten Werke der Choralmusik.  Entsprechend wird der Chor auf seine volle Mitgliederzahl verstärkt und nach hinten in den Altarraum gerückt. Im Vordergrund hat das Orchester entsprechend der Vorgaben aufgerüstet. Die Kunst der Aufführung liegt in der Balance zwischen einem feinen Violinensolo und dem Aufbrausen zur Verherrlichung eines Gottes.

Stephan Hahn, der mit höchster Konzentration Chor, Solisten und Orchester durch die Klippen des Werks führt – auch noch die Aufmerksamkeit findet, die Violinsolistin Ioana Ratiu auf die richtige Höhe des Notenständers hinzuweisen – treibt nichtsdestotrotz Sänger und Instrumentalisten zu Höchstleistungen an und führt das „Brausen“ in grenzwertige Höhen.

Aber es gelingt dem Dirigenten bei aller Emphase, die Stimmung des Werks zu erhalten. Ratiu legt trotz aller Aufgeregtheit ein wunderbares Solo hin.

Eindrucksvoll treten auch die Gesangssolisten auf. Christine Hoffmann breitet einen hellen Sopran aus, Sarah Alexandra Hudarew kommt mit ihrem Alt noch gegen das Orchester an, Jussi Myllis lässt den kämpferischen Tenor erstrahlen und Rolf A. Scheiders Bass gelingt es ohne Schwierigkeiten, das schmerzhafte Miserere opernhaft zu intonieren.

An diesem Abend gibt es viele Höhepunkte wie ein glanzvolles Gloria des Chores. Da erhebt sich das Publikum gern, um Chor, Solisten, Orchester und vor allem dem Dirigenten ausführlich zu applaudieren. Die Kälte, die während des Abends wie gewohnt um die Knie zog, ist da längst vergessen. Und die Gäste bleiben noch lange, um Choristen und Solisten persönlich zu gratulieren.

Michael S. Zerban