Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto der Generalprobe © Opernnetz

Aktuelle Aufführungen

Erbauliches am Sonntagnachmittag

MESSE NR. 3 F-MOLL/TE DEUM
(Anton Bruckner)

Besuch am
13. November 2016
(Einmalige Aufführung)

 

 

Maxkirche Düsseldorf

Die Maxkirche in der Düsseldorfer Altstadt ist nahezu bis auf den letzten Platz besetzt. Dabei sind bereits zusätzliche Stuhlreihen bis zur Grenze des Erlaubten aufgestellt. Es hat sich herumgesprochen: Wenn Kantor Markus Belmann zum Konzert ruft, steht etwas Besonderes auf dem Programm. Schon bei der Generalprobe am Vortag war die Kirche überdurchschnittlich gut besucht. Dabei lehnten die Musiker der Wiener Hofmusikkapelle ursprünglich die Uraufführung ab. Weil sie das Stück als unspielbar ansahen. Gut, das war 1867. Aber auch 1872 war der Dirigent Johann von Herbeck nach den Proben so entnervt, dass er seine Teilnahme an der dann von Anton Bruckner selbst in Auftrag gegebenen Uraufführung nach der Generalprobe absagte und der Komponist selbst ans Pult eines mehr als durchschnittlichen Vortrags musste.

Belmann schreckt das nicht ab, im Gegenteil. Er kombiniert die Messe Nr. 3 f-moll mit Bruckners Te Deum, nicht einen Deut einfacher, vielleicht eher noch schwieriger. Einen Trumpf hat er im Ärmel: Nach dem Tode Bruckners avancierte die Messe zu einem der beliebtesten Chorwerke der Romantik. Was ihm endgültig den Mut zur kühnen Tat verliehen haben mag, sind Chor und Orchester der Maxkirche und vier Solisten, die sich gehörig in der Kirchenmusik auskennen. Da kann man schon mal was wagen.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Erwartungsvoll sitzt das Publikum in der 1731 erbauten Kirche, in der schon Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann für die Musik verantwortlich waren. Die Erfahreneren haben dicke Mäntel über die Knie gelegt. Die anderen bemerken rasch, dass es in der zugigen Kirche an diesem diesigen Novembertag reichlich frisch an den Beinen wird. Was soll’s? In den nächsten anderthalb Stunden wird ein Brausen einsetzen, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Die Solisten auf der Generalprobe - Foto © Opernnetz

Die vier Solisten sind mit der Anzahl ihrer Einsätze nicht überfordert. So können sie das überhaupt Mögliche aus jedem einzelnen Auftritt herausholen. Und das gelingt ihnen auch. Sylvia Hamvasi setzt ihren Sopran sicher gegen Orchester und Chor durch. Altistin Franziska Orendi kommt im Volumen gerade eben so über das Orchester. Cornel Frey ist als Tenor für Corby Welch eingesprungen. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten entlockt er seiner Kehle die Töne, die fantastisch sind, weil sie diesen Bruckner zu etwas Besonderem machen. Und Rolf A. Scheider kostet als Bass-Bariton nicht nur einzelne Wörter aus dem Nichts heraus aus, sondern begeistert letztlich mit nichts weniger als der Ewigkeit. Stellvertretend ist sein aeternam im Te Deum unschlagbar. Selten hat man das in dieser Tiefe so formvollendet gehört.

Markus Belmann hat die musikalische Leitung inne. Und er hat fantastisches „Material“ zur Verfügung. Der Chor hat vor nichts Angst, und das Orchester ist hochmotiviert. Da legt der Dirigent sich mit seinen weitausgreifenden, engagierten Bewegungen ein wenig zu sehr ins Zeug. Die Barock-Kirche ist den Anforderungen einer Kathedrale nicht gewachsen. Stimmen und Instrumente verwaschen in dem Orkan, den Belmann entfacht. Da wäre – obwohl Bruckner – weniger mehr gewesen. Auch muss die Frage erlaubt sein, ob ein vierstimmiger Chor tatsächlich auf „einen Klump“ gesetzt werden muss, selbst in der vergleichsweise kleinen Kirche.

Aber das sind Bagatellen in Beziehung zur Gesamtleistung. Dirigent, Chor, Orchester und Solisten haben eine hervorragende Leistung bei einem Schwierigkeitsgrad abgeliefert, den sich längst nicht jeder Konzertchor zutraut.

Und als der schweißgebadete Kantor mit seinen Solisten vor einem erschöpften Chor und Orchester den wohlverdienten Applaus entgegennimmt, dürfen alle Beteiligten ihn zu Recht genießen. Und sei es nur für den Mut, sich einem Werk zu stellen, das großartig ist, aber – wie erwähnt – eigentlich als unaufführbar galt.

Michael S. Zerban