Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Annika Ley

Aktuelle Aufführungen

Von Fall zu Fall

LISTENING TO SPEAK/
VON FALL ZU FALL

(Jan Rohwedder, Brohmeyer/Rostei)

Besuch am
3. Dezember 2016
(Dernière)

 

Forum Freies Theater, Düsseldorf,
Kasernenstraße

Reichen wirklich drei Stücke, um ein Bild der Zukunft des Theaters aufzuzeigen? Sicher nicht. Das Verdienst der West-off-Reihe liegt darin, den Nachwuchs so unterschiedlicher Schulen zu zeigen, dass das Publikum ein sehr genaues Gefühl dafür bekommt, wie breitgefächert und bunt das Spektrum der Zukunft sein kann.

Am zweiten besuchten Abend stehen Stücke an, die unterschiedlicher kaum sein können – und sich genau in dieser Bandbreite zum ersten Abend abgrenzen. Am Beginn des Abends steht Listening to speak, ein Stück von Jan Rohwedder, der am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studiert hat und seitdem als Performer und Choreograf arbeitet. Er schickt die Performer Niels Bovri und Marius Schaffler mit reichlich Technik und Klebestreifen, einem „Bärenfell“ und einem Campingstuhl auf die Bühne, um „Formen des kollektiven Protests als akustische Erlebnisse“ zu untersuchen. Ein verquaster Ansatz, was ja durchaus statthaft ist, den er allerdings so kryptisch gestaltet, dass er für das Publikum unverständlich bleibt. Was zu sehen ist, sind zwei sympathische Jungs, die eine Geschichte immer und immer wieder erzählen, eine hübsche DJ-Show zeigen und mit Mikrofonen über die Bühne laufen, um die Aufnahmen anschließend wieder abzuspielen, ehe sie schließlich hüpfend Laute von sich geben. Daraus mag nun jeder für sich schließen, was er will.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Auch dieses Stück wird wieder einmal in englischer Sprache aufgeführt, eingeleitet mit der rhetorischen Frage, ob das Publikum damit einverstanden sei. Da warten wir vergeblich auf den Tag, an dem der englisch-unkundige Besucher aufsteht und sagt: „Nein, dann verstehe ich das nicht.“ Der kommt nämlich schon lange nicht mehr. Und das ist ein Umstand, der in naher Zukunft vielleicht viel wichtiger wird als die Frage, ob kopflastiges oder kryptisches Theater eine Zukunft hat. Derzeit geriert die so genannte Freie Szene sich ein wenig wie die Katholische Kirche, die glaubte, die Massen unterdrücken zu können, indem sie die Messen in lateinischer Sprache abhielt. Unter dem Deckmäntelchen einer internationalen Theatergemeinde lässt sich leicht im eigenen Saft baden, ehe man feststellt, dass das Publikum längst verschwunden ist. Da ist sogar die „altertümliche“ Oper längst weiter. In den Opernhäusern braucht sich niemand fehlender Fremdsprachenkenntnisse zu schämen, weil es ausreichend Hilfsmittel gibt, die anderssprachigen Inhalte zu verstehen.

Foto © Annika Ley

Sehr viel eleganter ziehen sich die Tänzerinnen Charlotte Brohmeyer und Geraldine Rosteius aus der Affäre, die an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln 2014 ihren Abschluss erlangt haben und bereits ihre zweite gemeinsame Arbeit vorlegen. In Von Fall zu Fall sprechen sie zwei einprägsame Sätze, die sie oft wiederholen und bildlich unterlegen. Das ist eher ein Fall für den Englisch-Unterricht der ersten Stunde. Und so kann sich das Publikum auch gleich des erfrischenden Humors erfreuen, mit dem Charlotte und Geraldine ihr Stück eröffnen. In den folgenden 45 Minuten wird hier einiges an Humor, Spaß, Poesie, aber auch Erotik bis zur Atemlosigkeit geboten. Schon die Doppeldeutigkeit des Titels ist ideal umgesetzt. Da geht es sowohl um die Bewegung im Tanz als auch um die Abfolge der Choreografie. Letztlich bleibt die Frage: Können zwei Nachwuchstalente, die gerade unbestritten die Bühne bereichern, neue Impulse für den zeitgenössischen Tanz setzen? Sie können.

Ihr unbefangener Umgang mit Musik – da werden einfach mal zwei ehedem sehr erfolgreiche Schlager sehr gekonnt umgesetzt – zeigt, dass die Überwindung der Störungen von Tanz und Musik noch ganz ungeheures Potenzial bietet.

Versucht man eine Bilanz der drei Aufführungen, kann man festhalten, dass wir für die Zukunft gut aufgestellt sind, auch ohne das repräsentativ zu belegen. Die Dramaturgen der drei Häuser haben sich überwiegend gut geschlagen, was die Auswahl betrifft. Die Aufführenden können mit ihren Ergebnissen mehr als zufrieden sein. Und das Publikum, das auch an diesem Abend knapp, aber umso herzlicher applaudiert, darf die Überzeugung mitnehmen, dass es schon einmal einen Zipfel der Decke gelupft hat, die das Theater der Zukunft verhüllt. Und darunter sieht es nicht so düster aus, wie manch einer derzeit glauben mag.

Michael S. Zerban