Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Björn Hickmann

Aktuelle Aufführungen

Neues aus Entenhausen

DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
26. November 2016
(Premiere)

 

 

Oper Dortmund

Auch wenn Die Zauberflöte nach mittlerweile 225 Jahren nichts von ihrer Popularität eingebüßt hat, stellt sie doch mehr Fragen als sie beantworten kann. Das bekommen vor allem die Regisseure zu spüren, die sich nicht nur mit einem Stilgemisch vom Volkstheater bis zur Barockoper konfrontiert sehen, sondern, noch heikler, einen moralischen Zeigefinger bändigen müssen, den man aus den anderen großen Opern Mozarts nicht gewohnt ist.

Regisseur Stefan Huber legt für seine Dortmunder Inszenierung schon den Finger auf die richtige Stelle, wenn er darauf hinweist, dass der moralische Anspruch der „Eingeweihten“ nicht frei von der elitären Arroganz damaliger Freimaurer-Kasten ist. Ein Anspruch, der nicht einmal grundsätzlichen Prämissen der Aufklärung standhält, wenn im „Tempel der Weisheit“ Sklaven gehalten werden und Frauen mit unverblümter Verachtung ausgeschlossen bleiben. Diesen Widerspruch können selbst die schönsten Klänge des alles andere als frauenfeindlichen Komponisten nicht aufheben.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Neu ist diese Kritik natürlich nicht, und man hat schon Sarastro in Uniformen aller erdenklichen Diktaturen erleben dürfen. Soweit geht Huber nicht. Er erkennt in dem genialen Medien-Pionier und -Magnaten Walt Disney das Kernproblem des Stücks, indem er dem Freimaurer Disney die ausbeuterische Personalpolitik seines Konzerns gegenüberstellt. Freilich nur im Programmheft. Auf der Bühne flüchtet der Musical-erfahrene Regisseur in eine unverbindliche Märchenwelt à la Disneyland mit hohem Wiedererkennungswert der Figuren und viel putzigem Schnickschnack. Ein Papageno aus Entenhausen, die drei Damen alias Cinderella, Arielle und Schneewittchen, Monostatos mit Micky-Maus-Ohren und, als absoluter Knaller, die drei Knaben als „drei kleine Schweinchen“. Das Publikum reagiert entsprechend gerührt und belustigt.

Foto © Björn Hickmann

Mit den Figuren und der verschachtelten, teilweise verschlüsselten mehrdimensionalen Handlung vermag Huber freilich nichts anzufangen. Bleiben die Gesänge immerhin noch von größeren Störfaktoren unbehelligt, bauscht er die Sprechszenen mit albernem Firlefanz auf. Die Damen wackeln bis zum Anschlag mit den Hüften, die Sklaven trippeln zum Glockenspiel putzig wie gehbehinderte Roboter. Gags aus der Mottenkiste des Opernmuseums, freilich ohne den Charme von Altmeistern wie Otto Schenk. Und die Hauptfiguren führt Huber brav am Text entlang, ohne die komplexen Beziehungen vor allem zwischen Sarastro und der Königin der Nacht einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Der Erkenntniswert der Inszenierung ist gleich Null.

José Luna kann angesichts dieses Konzepts als Kostüm- und Bühnenbildner aus dem Vollen schöpfen. Die Disneysche Menagerie wird farbenprächtig bedient, und im Zentrum der Bühne prangt eine Schneewittchen-Burg, die sich aus globalen Sehenswürdigkeiten von der Freiheitsstatue über den „Schiefen Turm“ bis zur Moskauer Basilius-Kathedrale zusammensetzt. Pfiffig die Idee, die Burg beim Eintritt in den Weisheitstempel einfach umzudrehen. Dahinter verbergen sich nicht mehr als eine leere Pappwand und ein schlichter Altar mit einem magischen Auge. Die bedeutungsschweren Moralpredigten der „Eingeweihten“ verpuffen in diesem Umfeld wie heiße Luft.

Gabriel Feltz kann mit einer federnden, präzisen Leitung der gut disponierten Dortmunder Philharmoniker ein paar musikalische Meriten gewinnen. Mit viel Gespür schlägt er angemessene Tempi an und reagiert flexibel auf die vielen stilistischen Brüche der Partitur. Und auch die Sänger dürften an Feltz‘ rücksichtsvollem Dirigat nichts auszusetzen haben.

Eine rundum gleichwertige Besetzung der vielen anspruchsvollen Partien kommt einer Quadratur des Kreises gleich. Dennoch hätte man sich ein wenig mehr Glanzpunkte gewünscht. Dazu zählt auf jeden Fall die Königin der Nacht von Marie-Pierre Roy, die die Koloraturen mühelos bewältigt. Trotz der albernen Maskerade zeigt der stimmlich agile Hannes Brock als Monostatos wenigstens Ansätze einer tiefergehenden Rollenstudie. Ashley Thouret als anmutige Pamina tut sich da stimmlich schon schwerer. Ihr Kapital liegt in Höhenflügen voll zartester Pianissimo-Kultur wie aus den besten Tagen der Caballé. Wenn freilich dynamischer Druck gefragt ist, verhärtet sich die Stimme unangenehm. Joshua Whitener singt einen braven, insgesamt untadeligen, aber emotional zu neutralen Tamino. Karl-Heinz Lehner fehlt es für den Sarastro an kerniger Tiefenschwärze. Morgan Moody spielt den Papageno engagiert, bleibt stimmlich aber blass. Ein ausgewogenes Damen-Terzett bieten Emily Newton, Ileana Mateescu und Almerija Delic. Verdienten Sonderapplaus ernten die „drei kleinen Schweinchen“ Joshua Krahnefeld, Vincent Schiwerts und Nick Esser als Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund. Allerdings sind für die meisten Partien Alternativbesetzungen vorgesehen, so dass sich der vokale Eindruck noch ändern kann.

Das Publikum zeigt sich gut unterhalten und reagiert, von einigen wenigen Buh-Rufen für die Regie abgesehen, überaus freundlich auf einen belanglosen Beitrag zum Problemfall Zauberflöte.

Pedro Obiera