Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Stephan Ernst

Aktuelle Aufführungen

Im Kopf der Primadonna

TOSCA
(Giacomo Puccini)

Besuch am
3. Dezember 2016
(Premiere)

 

 

Staatstheater Darmstadt

Mit stockendem Atem verfolgt das Darmstädter Premierenpublikum, wie Regisseurin Eva-Maria Höckmayr und Julia Rösler, verantwortlich für Bühne und Kostüme, eindringlich, intelligent und packend drei Projektionsflächen in der Titelrolle und Hauptfigur Tosca bündeln, um direkt und ungeschönt nach außen zu kehren, was Puccini in schmerzlich schöne Musik kleidete. Sie zeigen die Oper auf der Opernbühne, sie zeigen die Gefühlswelt der verliebten Primadonna und sie bebildern, was sich in ihrer Gedankenwelt abspielt.

Cavaradossi liegt tot auf der Bühne, eine blutbefleckte Tosca wandelt wie paralysiert durch den Raum. Jetzt müsste der Sprung von der Engelsburg erfolgen. Doch der Beifall, der aus den Lautsprechern immer wieder aufbrandet, signalisiert unmissverständlich, dass diese Tosca-Aufführung zuende ist. Mit diesem Szenario empfängt Regisseurin Eva-Maria Höckmayr das Publikum. Noch bevor Generalmusikdirektor Will Humburg mit dem Staatstheaterorchester die ersten Töne von Giacomo Puccinis dreiaktigem Melodramma anstimmt, legt Floria Tosca ihre Perücke ab und bleibt. Bis zur Schlussszene ist sie auf der Bühne präsent. Noch einmal durchlebt sie die Oper als Diva, doch jetzt auch als fragiles Wesen hinter der Opernmaske. Sie spielt ihre Rolle, sie betrachtet das Geschehen und nimmt den Zuschauer mit in ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Die Bühnenbilder werden zu Spiegelbildern ihrer Innenwelt und zeigen, wie die Brutalität um sie herum Macht von ihr ergreift, sie zur Verräterin und zur Mörderin werden lässt. Am Ende flieht sie mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck in an Wahnsinn grenzender Verzweiflung von der Bühne. Sängerinnen des Opernchors und Bühnenpersonal verfolgen ihren Fluchtweg. So kann man sich zusammenreimen, dass sich Floria Tosca vom Schnürboden in die Tiefe stürzt. Mit ihrem Aufprall erlischt ihr Bewusstsein und damit alles, was diese Inszenierung bestimmt. Darauf folgt kein Vorhang, sondern nur noch schwärzeste Nacht.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Bühnenaufbauten von Julia Rösler erinnern an Originalschauplätze. Geschickt verschiebt sie Kulissen und Projektionen und schafft Raum zwischen phantasmagorischen Gedankenszenarien und dem Bühnenalltag im Leben der Floria Tosca. Wenn Tosca in ihr rotes Überkleid schlüpft, wird sie zur Diva, in leuchtendem Weiß erstrahlt sie, wenn das zerbrechliche Wesen hinter der Diven-Maske das Geschehen betrachtet. In diesen Augenblicken sitzt der Zuschauer in Toscas Gedankenwelt. Und wie sich ihre Gedanken pausenlos um das Erleben kreisen, dreht sich die Bühne in ihrem Rund.

Foto © Stephan Ernst

In dieser äußerlichen Bewegtheit gelingt Höckmayr eine Personenregie, womit sie die Charaktere selbst in nur kurzen Sequenzen vielschichtig und eindringlich bloß legt. Bei ihrer Scharfzeichnung der jeweiligen Charaktere fließen zwei Wahrnehmungsebenen zusammen, die Rolle an sich und jene Person, die Tosca in dieser Rolle wahrnimmt.

Toscas Eifersucht macht Cavaradossi zu einem etwas oberflächlichen Liebhaber, dem die Malerei und der Widerstand gegen den Polizeistaat wichtiger erscheinen als ihre Verbindung. Trotz brutalster Folter gestaltet Michael Spadaccini seine Bravourarien volumenreich, kraftvoll und markig. Krzysztof Szumanski verbreitet mit expressiver Schärfe im Ton Furcht und Schrecken des machtvollen wie lüstern gierenden Polizeistaatschefs Scarpia. Toscas entscheidende Begegnung mit ihm findet in einem absolut abgedunkelten Raum statt. Nur der festlich gedeckte Tisch schimmert im Licht der Kerzen und Tosca steht im Scheinwerferlicht. Eindringlich wird spürbar, wie diese Dunkelheit von Tosca Besitz ergreift und sie zum Mord befähigt. Nicht nur in dieser Szene überzeugt die Sopranistin Izabela Matula durch ihre Bühnenpräsenz. In dieser knapp drei Stunden währenden Aufführung spielt sie nicht eine Rolle, sondern sie ist Tosca mit Fleisch und Blut und wunderschönem Gesang, der bei aller Geschmeidigkeit und Reinheit alle Empfindungen offenlegt.

Das gelingt auch, weil sich Humburg von der opulenten Klangpracht Puccinis nicht verführen lässt. Seine Interpretation ist auf Differenzierung, Intensivierung, Transparenz und Stimmigkeit mit dem Bühnengeschehen angelegt. Die Musiker des Staatsorchesters Darmstadt setzen das mustergültig um.

Das alles führt dazu, dass der Zuschauer, vom Geschehen gebannt, dem Weg Toscas bedingungslos folgt, die Massenszenen gesichtsloser Dämonen in Schwarz und teufelsrotem Engelsgewand, kraftvoll angestimmt vom Kinderchor und Opernchor, noch als verschärfend bedrohlich erlebt und am Ende dieses Psychodramas erschöpft und doch beharrlich applaudiert. Allen Beteiligten ist eine großartige Inszenierung gelungen. 

Christiane Franke