Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Volker Beinhorn

Aktuelle Aufführungen

Zuerst waren es die Hexen

HEXENJAGD
(Robert Ward)

Besuch am
16. November 2016
(Premiere am 28. Mai 2016)

 

 

Staatstheater Braunschweig

The American Way of Opera heißt eine vierteilige Reihe am Staatstheater Braunschweig, die 2013 mit Dominick Argentos Die Reise des Edgar Allan Poe fabelhaft begann und letzte Saison mit Robert Wards The Crucible einen ebenso bemerkenswerten Abschluss fand. Die Wiederaufnahme dieser Produktion im laufenden Spielplan beweist nun deren Repertoirefähigkeit.

Die Karriere von Robert Ward, 1917 in Ohio geboren und 2013 fast 100-jährig gestorben, beschränkte sich vornehmlich auf die USA. Hier entstand sein umfangreiches Oeuvre, hier wirkte er zudem als Musikkritiker und in leitender Funktion an verschiedenen Universitäten. Am bekanntesten wurde seine zweite Oper The Crucible, deren Uraufführung1961 in der New Yorker City Opera stattfand. Schon zwei Jahre später folgte die deutsche Premiere in Wiesbaden, die von der Kritik allerdings als zu wenig avantgardistisch befunden wurde. Doch was damals als antiquiert galt, interessiert aus heutiger Sicht wieder. Denn bei The Crucible handelt es sich um ein großformatiges, sängerfreundliches Bühnenwerk im neoromantischen Stil, das im Stande ist, ein der Moderne nicht so aufgeschlossenes Publikum zu fesseln.  

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

The Crucible basiert auf Arthur Millers Theaterstück Hexenjagd. Hintergrund sind die religiös motivierten Verfolgungen angeblich teufelsbesessener Dorfbewohner im amerikanischen, puritanisch geprägten Städtchen Salem Ende des 17. Jahrhunderts. Eine Gruppe von jungen Mädchen wird wegen unsittlichen Benehmens der Hexerei beschuldigt. Hauptanklägerin ist die Pastorennichte Abigail, die durch Falschaussage ihre eigene Haut retten und sich zudem an ihrem ehemaligen Dienstherrn und Geliebten John Procter rächen will. Die Anprangerung löst eine Massenhysterie mit einer Kette von Verleumdungen und Falschaussagen aus, an deren Ende ein gnadenloser Prozess mit zahlreichen Todesurteilen steht.

Foto © Volker Beinhorn

Millers Hexenjagd mutet vordergründig als ein geschichtliches Drama an, ist aber vielmehr eine Parabel auf die Kommunistenhetze der 1950-er Jahre. Auf solche Anspielungen verzichtet Hugh Hudson, der Oscar-gekrönte Filmregisseur, in seiner Inszenierung, die gleichzeitig sein Operndebüt darstellt. Während die prächtigen Kostüme von Madeleine Boyd historisch nachempfunden sind, zeigt der Bühnenraum von Brian Clarke abstrakte Umrisse von Gebäuden inmitten einer stilisierten Pflanzenwelt, deren Farbe sich vom leuchtenden Grün bis zum Schwarz von Akt zu Akt mehr verfinstert – ein starkes Bild für die Eingeschlossenheit dieser Gemeinschaft. Wie sie durch Verblendung und Massenhysterie allmählich auseinanderbricht und die menschlichen Beziehungen darunter leiden, davon erzählt Hudson auf angenehm traditionelle Weise: stimmig, packend und in der Personenführung sehr nuanciert, also nichts weniger als großes Kino auf der Opernbühne, das auch zu Assoziationen an aktuelle Geschehnisse anregt.

Die Braunschweiger Oper mobilisiert für Hexenjagd einen Großteil des Ensembles. Selbst Solisten wie Ekaterina Kudryavtseva, die sonst in Hauptrollen zu hören sind, wirken in kleineren Partien mit und geben dabei ihr Bestes. Großartig etwa, wie Peter Bording, ein rechtes Mannsbild, John Procters Ringen um Aufrichtigkeit vokal imponierend beglaubigt oder Anne Schuldt mit loderndem Mezzosopran um ihre Ehe kämpft; wie Evmorfia Metaxaki mit leuchtendem Sopran sich in Widersprüche verstrickt oder Matthias Stier mit hellem Tenor dem Pastor scharfe Umrisse gibt.

Die hoch auflodernden Emotionen setzen sich im Orchestergraben fort, in dem Samuel Emanuel mit dem Staatsorchester Braunschweig einen schwelgerischen Klang entfaltet, dem nur manchmal etwas mehr dynamische Differenziertheit und Transparenz gut getan hätte.  

Langanhaltender Applaus nach der erstaunlich gut besuchten Aufführung mitten in der Woche. Bleibt zu erwähnen, dass das Programmheft ein Glanzstück der Dramaturgie ist: vollgepackt mit informativen, lesenswerten Texten zum Stück und den Hintergründen.

Karin Coper