Opernnetz

Kulturmagazin mit Charakter

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Foto © Thilo Beu

Aktuelle Aufführungen

In der Manege des Welttheaters

DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
11. Dezember 2016
(Premiere)

 

 

Theater Bonn

 

Der Galan im Dress eines Entertainers hält der Braut im weißen Hochzeitskleid einen Reif hin. Üblicherweise pflegen im Zirkus wilde Tiere auf Geheiß ihres Dompteurs durch ein solches Rund zu springen. Hier ist es das Bauernmädchen Zerlina, das so symbolisch nach Don Giovannis Willen spuren soll. In Jakob Peters-Messers Inszenierung von Mozarts Dramma giocoso im Theater Bonn ist das Bild exemplarisch für die ganze Sicht auf den jungen spanischen Edelmann, diesen Verführer, Lebemann, Wüstling in einem. Der Regisseur siedelt die frivol-düstere Komödie im Zirkus an. Ausgehend von Tirso de Molinas Fassung des Don Juan als Burlador de Sevilla, sieht Peters-Messer auch in Mozarts und Da Pontes genialer Oper noch etwas von dieser Art Volkstheater, das fortlebe, so „in den Clownerien des Zirkus“. Don Giovanni, ein Novum, in der Arena des Zirzensischen. Eine Idee, nun ja. Eine schlüssige Enträtselung eines, um mit dem Mozart-Experten Joachim Kaiser zu sprechen, „radikalen Jagdtriebs“, der unermüdlich Opfer sucht und selbst zum Opfer wird? Dann eher nicht.

„Eine schwarze Zirkusarena mit verbranntem Sand, der kreisförmige Theatervorhang, eine surreal-verschraubte Wendeltreppe“ – diese in den Programminformationen zur Aufführung skizzierten Wunsch-Vorgaben des Regisseurs hat Bühnenbildner Markus Meyer im Verein mit Lichtdesigner Max Karbe mit erkennbarem Faible für die Welt der Gaukler und Illusionisten umgesetzt. Vorn ist eine Manege zu sehen, danach die Kontur eines Theaters mit samtig-rotem Vorhang, der je nach Bedarf auf- und zugeht und den Protagonisten neckische Auftritte ermöglicht. Dahinter wird das Auge des Betrachters von einem sich spiralförmig  in ein fiktives Nichts schraubendes Treppenhaus gefesselt. Bei und in allem dominiert der Kreis, eine hier psychologisch zu deutende Struktur. Es kreisen ja alle Figuren um Don Giovanni und dieser letztlich auch in sich. Für Peters-Messer  Formen eines „Welttheaters, eines Globe Theatre für die Scharaden, die Tricks, die Magie des großen Verführers“.

POINTS OF HONOR
Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Claus Guth inszenierte seine Vorstellung von Don Giovanni vor einigen Jahren an der Berliner Staatsoper im Schiller Theater als Begegnungskarussell der Protagonisten in einem düsteren Wald. Donna Anna, Don Ottavio und Co. treffen sich an einer fiktiven Bushaltestelle, um danach wieder im Dunkel der Natur zu verschwinden. Gemessen daran: durchaus eine Steigerung, die das Theater der Bundesstadt zu bieten hat. Gemessen an der letztlich psychoanalytisch zu fassenden und zu vermittelnden Verstrickung der Handelnden im Zeichen moderner oder restaurativer Libertà?  So gesehen ist die Verlagerung des Schauplatzes in eine Zirkusarena dann doch nur L’art pour l’art. Ein Spiel, das ohne Mozarts adelnde Musik recht hohl bliebe.

Foto © Thilo Beu

Damit seien die durchaus geistreichen Ideen zur Personenführung nicht kleingeredet, um die sich Peters-Messer – wie vor einiger Zeit schon bei seinem Bonner Fidelio – erkennbar müht. Um die Beziehungen von Menschen unterschiedlichen gesellschaftlichen Standes geht es ja schlussendlich, egal wo die „Scharaden und Tricks“ des unwiderstehlichen Widerlings halt spielen. Berührend der in Haltung und Kleidung vorgebrachte Versuch Don Ottavios, Don Giovannis Inneres zu ergründen, sich ihm auch körperlich bis zur Tuchfühlung zu nähern. Berührend auch die Nähe, die Donna Anna in der Katastrophe beim Komtur, ihrem getöteten Vater sucht, der bekanntlich als steinerner Gast zurückgekehrt ist. Der Komtur ist auch Teil des wohl originellsten Kunstgriffes dieser Inszenierung. Die übliche Höllenfahrt des Unholds? Gestrichen. Don Giovanni und der zum Essen geladene Komtur sitzen sich am kreisförmigen Tisch gegenüber. Der steinerne Gast reicht ihm die eisige Hand, woraufhin der Kopf des Herausforderers zur Seite sinkt. Als er sich wieder in die Ausgangsposition zurück bewegt, trägt auch er die Maske aus Marmor, nun versteinert wie der, dem er die Stirn geboten.

Musikalisch ist eine Aufführung in ihren großen Momenten eine homophone Ensembleleistung. Dieses Attribut lässt sich cum grano salis auch den vokalen Zirkusartisten nachsagen. Die großen Ensembleszenen haben Format und einen gemeinsamen Nenner stimmiger Referenz. So erweist sich einmal mehr, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Qualitäten jedes Einzelnen. Unter diesen wiederum ist manch vorzügliche Leistung zu konstatieren. Giorgos Kanaris ist in der Titelrolle als Sänger wie Darsteller ein überzeugender Verführer und charismatischer Edelmann. In Klaus Weises Don-Giovanni-Inszenierung von 2005, mit der dieser 2013 Abschied vom Haus am Boeselagerhof nimmt, steht Kanaris noch als Masetto auf der Bühne. Jetzt, Jahre später, verfügt das Haus über einen Don Giovanni, der kaum Wünsche übriglässt, den Brutalo ebenso wie den Melancholiker zu artikulieren weiß. An seiner Seite agiert Martin Tzonev als Leporello bravourös und jederzeit auf Augenhöhe.

Daniel Pannermayr verkörpert Masetto – bekanntlich, weil mehrfach verprügelt, eine undankbare Rolle – trefflich. Er ist etwas linkisch und naiv, eben ein Junge vom Lande, der wenig sieht und noch weniger durchschaut und gegen den weltgewandten Frauenheld und auf allen gesellschaftlichen Parketts versierten Don Giovanni auf verlorenem Posten steht. Christian Georg als Don Ottavio beginnt vielversprechend und vermag seine gute Form auch in den beiden Soloarien im Barockstil zu bestätigen. Dabei gelingt ihm Il mio tesoro in tanto noch besser als das erste Bravourstück. Statur und Ausstrahlung besitzt mit akkurat geführtem Bass Leonard Bernad als Komtur.

Differenzierter fallen die Leistungen der beteiligten Damen in Don Giovannis Entourage aus. Sumi Hwang gibt die ge- und verprellte Donna Anna couragiert und geschmeidig, doch eine Spur zu versöhnlich. Immerhin bricht doch in wenigen Stunden ihre ganze Welt zusammen. Non mi dir, bell’idol mio, ihre Arie in der Form eines Rondos, ist gleichwohl in ihrer Interpretation große Oper. Donna Elvira zeigen Mozart und Da Ponte als Inbegriff der leidenschaftlich Begehrenden, ständig zwischen vulkanischen und devoten Empfindungen changierend. Susanne Blattert ist diese Erinnye nicht, eher eine Art Furie light. Ihr liegen augenscheinlich die sensiblen Partien wie die Muse in Hoffmanns Erzählungen mehr, die sie ja zuletzt auch in Bonn dargestellt hat.

Kathrin Leidig ist in der Riege der Sängerinnen der Gewinn dieser Aufführung. Mit mal seidig weichem, dann spöttisch-verspieltem Mezzo ist sie eine wunderbare Zerlina. Sie hat auf der einen Seite etwas Verspieltes, fast kindlich Naives. Andererseits ist sie eine sinnliche Frau, die die Anziehungskraft des Verführers erkennt und im Grunde auch praktisch erfahren, zumindest ein Stück weit erproben möchte. Leidig inszeniert die Ambivalenz dieses Charakters auf der Bühne con piacere. Ihre beiden an Masetto gerichteten Soloarien zu einfühlsamer Cellobegleitung avancieren zu Highlights dieser Produktion.

Das Beethoven-Orchester Bonn unter der musikalischen Leitung von Stephan Zilias, seines Ersten Kapellmeisters, entwickelt im Graben wie auf der Bühne einen hörenswerten, bisweilen mitreißenden Mozartsound. Der Chor des Theaters, einstudiert von Marco Medved, vermittelt Lebensfreude und jene Bodenständigkeit, die den degenerierten Noblen längst abhandengekommen ist.

Das Publikum, darunter Bonns Oberbürgermeister, Ashok-Alexander Sridharan, sowie NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft samt Anhang, begrüßt die Neuinszenierung des Stücks nicht einmal drei Jahre nach Verabschiedung der Weise-Inszenierung aus dem Spielplan ohne jegliche Einschränkung, genauer: mit Jubel für alle Beteiligten, auch für das Regieteam. Um Nuancen mehr Zuspruch heimsen dabei Leidig und Kanaris ein, völlig nachvollziehbar. Ihr Duettino  Lá ci darem la mano versprüht ja auch jene gleichtönende Qualität, die Mozarts Da-Ponte-Opern zum Erlebnis machen kann.

Ralf Siepmann